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Resistenz und Widerstand von Jugendlichen
Jugend bedeutete für das NS-Regime die Zukunft: Die Jugend mußte man gewinnen, wollte man das nationalsozialistische Ideal einer totalen Gesellschaft und eines totalen Staates verwirklichen. Die Prägungen und Traditionen der Älteren, die diese aus der Kaiserzeit, dem Ersten Weltkrieg und der Weimarer Republik mitbrachten, konnte man nicht mehr rückgängig machen. Solange sie die politische Entwicklung widerstandslos hinnahmen, ließ man ihnen weitgehend ihre kulturellen Freiräume. Anders bei den Jugendlichen: ihre Erfassung wurde konsequent vorangetrieben. Mit dem "Gesetz über die Hitlerjugend" vom Dezember 1936 wurde die Mitgliedschaft im Jungvolk und in der Hitlerjugend (HJ) Pflicht. Organisierte Freizeitbeschäftigungen außerhalb der HJ wurden mit äußerstem Mißtrauen beäugt. In den 30er Jahren schien die Rechnung aufzugehen: Die HJ übte mit ihrer Lagerfeuerromantik, ihrem scheinbaren Idealismus und ihren zahlreichen Aktivitäten eine große Anziehungskraft aus. Viele Jugendliche engagierten sich begeistert, in dem Gefühl, einen wichtigen Beitrag für den Aufbau des neuen Deutschlands zu leisten. Alle anderen Jugendorganisationen wurden nach und nach verboten oder gingen in der HJ auf. Im Verborgenen versuchten zwar einige der verbotenen Gruppen, ihre Arbeit fortzusetzen, doch der Widerstand, den vor allem die sozialistische Jugend, aber auch bündische und christliche Jugendliche gegen den Nationalsozialismus betrieben, war in wenigen Jahren gebrochen. Erst Ende der 30er Jahre und vor allem seit Kriegsbeginn, als sich der Reiz der HJ verflüchtigt hatte und ihr paramilitärischer Zwangscharakter offensichtlich geworden war, bildete sich wieder Opposition aus jugendlichen Kreisen. Die Nationalsozialisten mußten die Erfahrung machen, daß sie mit ihren in der Erwachsenenwelt bewährten Methoden des Terrors bei den oppositionellen Jugendlichen kaum Erfolg hatten. Da die Jugendlichen noch nicht im Berufsleben standen und keine Familie hatten, für die sie Verantwortung trugen, waren ihre Handlungsspielräume weniger durch Kompromisse und Rücksichten eingeschränkt, waren sie weniger leicht erpreßbar. Jugendliche Abenteuerlust und Unbedenklichkeit ließen sie oft die Risiken ihres Tuns vergessen. Außerdem bewegten sie sich in Cliquen und Freundeskreisen, die unabhängig von äußeren Zwängen funktionierten und gegenüber Spitzeln und Denunzianten relativ immun waren. Auch Mitwisser, die nur am Rande standen oder einmal vergeblich angeworben worden waren, verrieten meistens nichts. Die Denunziationen, aufgrund derer in München Jugendliche den NS-Gerichten ausgeliefert wurden, kamen in aller Regel von Erwachsenen. Resistenz von Jugendmilieus Ende der 30er Jahre wurde das NS-Regime mit einem Phänomen konfrontiert, das es sich nicht erklären konnte: Eine größere Anzahl von Jugendlichen schien einfach keine Motivation mehr zu haben, sich für den Nationalsozialismus zu engagieren. Im Gegenteil, sie versuchten, sich den einengenden Ansprüchen und Zumutungen des Nationalsozialismus zu entziehen. Besonders beunruhigend für das Regime war, daß diese Verweigerungshaltungen sich nicht mehr aus den Traditionen der Zeit vor 1933 speisten, sondern neu entstanden waren - als eine originär jugendliche Form von Opposition, die sich vor allem in Großstädten verbreitete. Allein die Tatsache, daß die Jugendlichen selber ihre Freizeit gestalteten und eigenständig Feste feierten, auf Wanderungen gingen oder in den Straßen "herumstreunten", machte sie den Nationalsozialisten verdächtig. Wenn überhaupt, leisteten sie ihren HJ-Dienst nur gezwungenermaßen. Diese Verweigerungsformen waren unterschiedlich ausgeprägt, je nachdem, ob es sich um Jugendliche aus wohlsituierten, bürgerlichen Häusern handelte, oder um Kinder von Arbeitern und Handwerkern. Gemeinsam hatten sie, daß sie mit kulturellen Normen der Erwachsenenwelt brachen - besonders mit ihrer Sexual- und Arbeitsmoral -, in Haartracht und Kleidung einen "lässigeren", aufmüpfigen Stil pflegten und gerne zu der im Nationalsozialismus besonders verpönten amerikanischen und englischen Jazz-Musik tanzten. Die "Swing-Jugend" der bürgerlichen Kreise war oft auch intellektuell und künstlerisch interessiert und sehnte sich danach, die kulturelle Abschottung zu sprengen, die der Nationalsozialismus Deutschland auferlegt hatte. Sich aus Arbeiterjugendlichen zusammensetzende "wilde" Banden - in München die sogenannten Blasen - streiften durch die Stadtzentren und Vorstädte und lieferten sich untereinander oder mit der HJ Schlägereien. Diese Jugendlichen, die so provozierend die nationalsozialistischen Erziehungsideale konterkarierten, waren in der Minderheit und standen einem Heer von angepaßten oder noch immer für den Nationalsozialismus begeisterten HJ-Angehörigen gegenüber. Aber ihre Zahl war doch genügend groß, um die Behörden massiv zu beunruhigen. Manchmal wurden die Jugendlichen in ihrem Verhalten auch von den Eltern unterstützt. In einem besonders krassen Fall ließ sich ein Vater zu sechs Monaten Gefängnis verurteilen. Sein Sohn war im Juni 1942 mit zwei Wochenenden Jugendarrest bestraft worden, weil er trotz wiederholter Aufforderung nicht zum HJ-Dienst angetreten war: "Der Junge mußte durch die Schutzpolizei zum Dienst vorgeführt werden. Er erklärte dabei, daß er auch in Zukunft seinen Dienstverpflichtungen nicht nachkommen werde, weil sein Vater ihm die Teilnahme am HJ-Dienst ausdrücklich verboten habe." Der Vater erhob gegen diese Strafe Einspruch und erklärte, daß sein Sohn auch weiterhin nicht zur HJ gehen werde. Die Staatsanwaltschaft vermutete hinter einer solchen Handlungweise eine "ausgesprochen staatsfeindliche Einstellung" und überzog ihn mit einem Gerichtsverfahren. Die "Blasen" "Seit ungefähr einem halben Jahr mußte in München beobachtet werden, daß sich Burschen im Alter von 15-20 Jahren zusammenfinden und abends die Straßenecken bevölkern sowie die Passanten anpöbeln. Darauf wurde anfänglich kein besonderes Augenmerk gegeben in der Annahme, es handle sich um jugendliche Auswüchse. Da aber in letzter Zeit auch HJ-Angehörige während der Verdunkelung von halbwüchsigen Burschen überfallen und grundlos niedergeschlagen worden sind, wurde auf die sogenannten Eckensteher ein besonderes Augenmerk gerichtet. Wie durch die Ermittlungen festgestellt werden konnte, haben sich in München verschiedene 'Stenzenblasen', wie z.B. die Spitzblase, Glockenbachblase, Auermühlbachblase, Malzhausblase, Rioblase usw. gebildet. Bei den Blasenangehörigen handelt es sich vorwiegend um mehrfach vorbestrafte halbwüchsige Burschen, die einer geregelten Beschäftigung aus dem Wege gingen. (...) Nach dem Ermittlungsergebnis sind die sogenannten Stenzenblasen als keine Organisation, die politische Hintergründe verfolgt, anzusehen. Sie sind mehr oder weniger Rauforganisationen, und teils haben sie sich auch zur Verübung von Einbrüchen zusammengeschlossen." Solche "wilden" Jugendbanden, wie sie der Gestapobericht vom Februar 1940 für München erwähnte, existierten in vielen deutschen Großstädten. Sie hießen je nach Region auch "Meuten", "Cliquen", "Edelweißpiraten", "Gangs", "Mobs", "Schlurfs" usw. Die "Blasen" in München benannten sich meistens nach ihrem Treffpunkt: "Heimeranblase", "Schoberblase", "Eisdieleblase", "Platzlblase", "Nizzablase" und weitere. Seit dem Ende der 30er Jahre verstärkte sich ihre Präsenz. Sie gerieten mehr und mehr in Opposition zur HJ, weil sie sich der Jugenddienstpflicht in der HJ nicht unterwerfen wollten. Im Krieg entwickelten sich die Blasen zu einer regelrechten "Modeseuche". Ihre Mitglieder paßten in keinster Weise in das nationalsozialistische Idealbild des schnittigen Jugendlichen. Ähnlich wie die bürgerliche Swing-Jugend hatten sie eine "Tangofrisur" oder "Künstlermähne" anstelle des soldatischen Kurzhaarschnitts und bevorzugten saloppe Kleidung. Manche trugen im Anklang an bündische Traditionen Gleichtracht, zum Beispiel Pullover mit dem eingestickten Namenszug der Blase, und führten als Abzeichen einen 17zackigen Stern, einen Fisch, einen Anker oder ein Edelweiß. Den Hitlergruß lehnten sie ab. Stattdessen grüßten sie sich mit "Servus" oder anderen Floskeln. Ihre Versammlungen hielten sie in Luftschutzkellern oder verlassenen Häusern ab. Sexualität spielte eine große Rolle, obwohl diese von den nationalsozialistischen Behörden bestimmt auch überbewertet und hochstilisiert wurde. Die Reaktionen des nationalsozialistischen Regimes auf diese jugendliche Bandenbildung waren heftig. Seit 1940 läßt sich eine dramatische Verschärfung im Jugendstrafrecht feststellen: Zuchthaus- und Todesstrafen konnten verhängt werden, Jugendliche wurden auf unbestimmte Dauer verurteilt oder in sogenannte Jugendschutzlager wie das Lager Moringen eingewiesen. Die Polizei konnte ohne rechtliche Grundlage Jugendarrest verhängen. So berichtet eine Denkschrift der Reichsjugendführung 1942: "In München wurde im Frühjahr 1942 ein Jugenddienstarrest als Wochenend-Sammelarrest vollstreckt, zu dem 214 Jugendliche geladen wurden. Die Schutzpolizei hatte die Räume zur Verfügung gestellt, die Gebietsführung sorgte für die Einrichtung (Betten usw.). Ausbilder für den durchgeführten Geländedienst wurden von der Waffen-SS gestellt. Der Erfolg, besonders die Schockwirkung dieser Aktion war gut. (...) Alle hier genannten Versuche waren Behelfsmaßnahmen, die schon deshalb auf die Dauer nicht Bestand haben konnten, weil ihnen eine sichere und brauchbare Rechtsgrundlage fehlte. Außerdem vermochten diese Einrichtungen wohl im Augenblick gefährliche Entwicklungen zu hemmen. Durch einmalige - wenn auch scharfe - Eingriffe läßt sich aber das Cliquenwesen nicht nachhaltig zurückdämmen." Neue Straftatbestände wurden geschaffen, um die Verurteilung von Jugendlichen zu erleichtern. Indem man sie unter den Tätertypus des "Volksschädlings", des "jugendlichen Schwerverbrechers" oder des "Gewaltverbrechers" einordnete, konnten Bagatellvergehen politisch gedeutet werden. Schlechte Schulleistungen, "grundlose Aufgabe eines Arbeitsplatzes", "Durchbrennen aus der Lehre", "Arbeitsscheu" verschärften die Strafe ebenso wie "gemeinschaftsschädliche Einstellung" oder "Unkameradschaftlichkeit". Zwischen 1940 und 1943 wurden in München eine Reihe von Verfahren gegen "Blasen"-Angehörige geführt, die in kleinkriminelle Aktionen verwickelt waren. Die Beschuldigten bekamen, ungeachtet ihres jugendlichen Alters und der Geringfügigkeit ihrer Verbrechen, Zuchthausstrafen zwischen zwei und vier Jahren. In den Urteilen finden sich wüste Beschimpfungen, die deutlich machen, daß die Jugendlichen weniger wegen ihrer kleinen Diebstähle als wegen ihrer grundsätzlichen Verweigerungshaltung zu so hohen Strafen verurteilt wurden: "Straferschwerend die Zugehörigkeit zu einer Blase, die Notwendigkeit der rücksichtslosen Bekämpfung dieser Erscheinungen, die Schädigung eines Gemeinschaftswerkes, das fast volksschädlingshafte Verhalten, nächtliches Streunen, die Entwendung zwangsbewirtschafteter Sachen, die große Disziplinlosigkeit während des Krieges, bei Franz F. eine Bestrafung wegen Unzucht mit einem Knaben (er steckte ihm sein Geschlechtsteil in den Mund), (...)." Für München am besten dokumentiert ist der Fall Heinrich Steigenberger : Im Oktober 1940 wurde Steigenberger festgenommen, als er zusammen mit einem anderen Mitglied seiner "Blase" versuchte, illegal über die Grenze nach Ungarn zu kommen. Es stellte sich heraus, daß er mehrere kleinere Einbrüche verübt und vor der drohenden Verhaftung hatte fliehen wollen. Daß sein Abrutschen in die Kriminalität zumindest subjektiv durchaus im Zusammenhang mit den Verhältnissen im "Dritten Reich" stand, bemerkte sogar die Gestapo: "Steigenberger macht einen verkommenen Eindruck. Er vertritt die Meinung, daß er in Deutschland wenig zu erhoffen hätte. Wenn er auch einen Beruf erlernt hätte, so wäre das für ihn wenig aussichtsreich gewesen, denn er hätte seine Arbeitsdienst- und Militärpflichtzeit ableisten müssen und wäre dann zuletzt doch nur erschossen worden. Er trägt sich mit Selbstmordgedanken." Ungewöhnlich akribisch für einen Fall, der schließlich nur vor dem Amtsgericht verhandelt wurde, recherchierten die Behörden das ganze bisherige Leben des Heinrich Steigenberger: Er kam aus ärmlichen Verhältnissen, seine fünfköpfige Familie lebte in zwei Zimmern und einer Küche. Obwohl er in der Schule "nicht schlecht begabt" war, häuften sich in seinen Zeugnissen Bemerkungen wie: "Der Schüler braucht stramme Zucht, da er gerne über die Schnur hauen möchte" oder: "Ein unangenehmer Tändler und Spieler, ein eigensinniger Dickkopf, der nur durch äußerste Strenge Willigkeit zeigt." Von 1934 bis 1936 war er Angehöriger des katholischen Jugendvereins. Die HJ mied er, solange es irgend ging. Im Mai 1939 wurde er zur Feuerwehr-HJ zwangsverpflichtet, doch erschien er - wie auch sein Bruder - kaum je zum Dienst. Seine Freunde suchte er anderswo, nämlich in der "Platzlblase", die sich auf dem Platzl vor dem Hofbräuhaus traf. Die Lehre als Mechaniker, die er nach dem Abgang von der Volksschule 1938 begonnen hatte, gab er im Januar 1940 wieder auf: "und zwar auf Anraten meiner Spiesgesellen von der Platzlblase. Diese sagten, wenn ich Hilfsarbeiter machen würde, könnte ich viel mehr verdienen und an den Sonntagen immer ausgehen." Im Juni 1940 trat die "Platzlblase" geschlossen zur "Nizzablase" über. Steigenberger wurde Stellvertreter ihres Anführers Adolf Pfister . Die "Nizzablase" umfaßte damals 35 bis 40 Mitglieder: "wenn es Rauferein gab, waren wir immer vollzählig beisammen. Unser Versammlungsplatz war der Spitz, unweit der Mariannenbrücke. Unsere Hauptbetätigung war das Abspielen von Schallplatten, Tanz mit den Mädchen und Raufereien mit anderen Blasenmitgliedern." So erzählte Steigenberger von einem Überfall auf die "Auerblase", wo er "einigen Mitgliedern Faustschläge versetzte". Für die Kämpfe mit der HJ interessierte sich die Gestapo besonders: "Bei dem Überfall in der Kanalstraße auf die HJ war ich auch anwesend, habe jedoch selbst nicht zugeschlagen. Mir ist bekannt, daß ein Mitglied unserer Blase mit Spitznamen 'Pedro' bei allen Fahrrädern von HJ-Angehörigen die Ventile bei den Rädern herausgeschraubt hat. Was er mit den Ventilen gemacht hat, weiß ich nicht. Josef Scheucher, auch ein Mitglied unserer Blase, hat bei dieser Gelegenheit einen Hitlerjungen geschlagen." Um die Jahresmitte 1940 begann Steigenberger, mit seinen Freunden kleine Einbrüche zu verüben. Während der Verdunkelung stiegen sie in Kolonialwarengeschäfte ein und entwendeten einmal 1,80 Reichsmark, dann 12 Reichsmark. Auch in eine Gastwirtschaft brachen sie ein: "Dort drehten wir das Licht auf, tranken dann einige Gläser Bier und durchsuchten die Schenke und das Gastzimmer". Immer heftiger geriet Steigenberger mit seinen Eltern aneinander. Schließlich lief er von zu Hause weg und versteckte sich mit zwei Freunden in einem halbabgebrochenen Haus. Nach drei weiteren erfolglosen Einbruchsversuchen beschlossen Steigenberger und zwei seiner Freunde, zu fliehen. Acht Tage später wurden sie an der Grenze nach Ungarn verhaftet. Ihre ganze "Blase" wurde aufgerollt, und die Mitglieder in Untersuchungshaft genommen. In der Hauptverhandlung im März 1941 erhielt Steigenberger, 17jährig, drei Jahre Zuchthaus wegen "Verbrechens gegen die Volksschädlingsverordnung". Er saß zwei Monate in Einzelhaft. Im Sommer 1942 wurde seine Strafe in einen Arrest auf unbestimmte Dauer umgewandelt, da Steigenberger trotz seines "guten Kerns" und obwohl er sich "offen und anständig gegen die Vorgesetzten" verhalte, "unglaublich leichtsinnig und flatterhaft" sei und mitten "in den Flegeljahren mit ihrem Drang zum Abenteuerlichen" stecke. Doch schon im Oktober 1942 wollte die "harte Schule der Wehrmacht" nicht mehr auf ihn verzichten: "Die Strafvollstreckung wird einstweilen bis Kriegsende ausgesetzt, um ihm Gelegenheit zur Feindbewährung zu geben." Heinrich Steigenberger überlebte den Krieg. In seiner Akte ist ein Schreiben des Polizeipräsidiums vom November 1946 enthalten, das darauf schließen läßt, daß er erst 1947 "auf dem Gnadenwege" ganz entlassen wurde. Studentische Kreise Während die "Blasen" durch ihr Abrutschen in die Kriminalität den nationalsozialistischen Behörden genügend Gelegenheit boten, sie strafrechtlich zu verfolgen, waren die Jugendlichen aus wohlsituierten Verhältnissen weniger leicht in den Griff zu bekommen. Vor allem im Umkreis der Universitäten - die allerdings von der NS-Studentenschaft beherrscht waren - bildeten sich Kreise, die dem Nationalsozialismus reserviert oder ablehnend gegenüberstanden. Politische Überzeugungen spielten dabei weniger eine Rolle als der Wunsch, in Ruhe und unbelästigt von nationalsozialistischen Pflichtveranstaltungen studieren zu können. Im Juni 1934 kam es an der Münchner Universität zu tumultartigen Protesten gegen die Pflichtvorlesungen, die von der nationalsozialistischen Studentenführung angesetzt worden waren. Die Redner wurden "mit eisigem Schweigen" begrüßt und durch "Geheul, Getrampel, Gepfeife" am Reden gehindert. Als der sehr beliebte Juraprofessor Heinrich Mitteis in die Schußlinie geriet, weil er in seinen Vorlesungen spöttische Bemerkungen über den Nationalsozialismus gemacht hatte, kam es unter den Jurastudenten zu Solidaritätskundgebungen. Eine Studentengruppe um Alexander Böker und Hubert von Welser war hier besonders engagiert. Die Studenten legten Mitteis in einer Vorlesung einen Blumenstrauß aufs Pult, der prompt von einem SS-Mann zerpflückt wurde, und es kam zu einer Prügelei. In den darauffolgenden Tagen hingen an den Wänden der Universität handgemalte Plakate, die es an deutlicher Sprache nicht fehlen ließen: "Täglich wächst die Empörung und Erbitterung über die Knebelung der studentischen Freiheit! Überlegt! Seid ihr auf der Universität, um euch von Studentenbonzen schikanieren zu lassen oder um das Erbe der deutschen Wissenschaft anzutreten? Seid ihr auf der Universität, um unproduktive Fachschaften mitzumachen oder um zu studieren? ... Nieder das SA-Hochschulamt, nieder die Fachschaften, nieder die Studentenbonzen, es lebe die studentische Freiheit." Flugblätter mit der Parole: "Im 3. Reich marschieren wir - im 4. Reich studieren wir" lagen herum, auf einem anderen Plakat war zu lesen: "Schießt, stecht und schlagt sie tot, diese Bonzen im Braunhemd". Hinter diesen Protesten stand offenbar, einem Zeitungsbericht des "Stürmer" zufolge, die große Mehrheit der Studenten. Mit dem sogenannten Röhm-Putsch am 30. Juni 1934 ebbte der Aufruhr ab. Die Entmachtung der SA wurde von den Studenten positiv aufgenommen und wirkte sich auch tatsächlich günstig auf die Studienbedingungen aus. Der Freundeskreis an der juristischen Fakultät löste sich auf: Alexander Böker ging zum Studium ins Ausland und entschloß sich 1938 nach den Pogromen der "Reichskristallnacht" endgültig zur Emigration. Hubert von Welser machte im Luftfahrtministerium unter Göring Karriere. Auch nach 1934 gibt es Hinweise, daß die Münchner Studentenschaft nicht ganz so linientreu hinter dem Nationalsozialismus stand, wie es die offiziellen Zahlen und Meldungen glauben machen wollten. Ende 1937 wurde der Student der Zeitungswissenschaften Josef Knott vom Gaustudentenführer aufgrund verschiedener kritischer Bemerkungen denunziert. Es ging dabei vor allem um den nationalsozialistischen Fachschaftsleiter der zeitungswissenschaftlichen Fakultät, der "die Fachschaft in zwei Lager gespalten", aber schließlich "eingesehen (hätte), daß es eine Unmöglichkeit sei, die zeitungswissenschaftliche Fachschaft nationalsozialistisch zu machen." Der Denunziant beendete sein Schreiben mit einer Forderung, die darauf schließen läßt, daß Knott mit seiner Meinung nicht allein stand: "Da gerade in der zeitungswissenschaftlichen Fachschaft der Universität München mehr derartige Elemente sich herumtreiben, die allerdings in mancher Beziehung weit vorsichtiger sind als Knott, ist es wichtig, daß einmal von der Staatspolizei ein Exempel statuiert wird, damit sich die Herren langsam überlegen, entweder das Studium aufzugeben oder eine positive Einstellung zum Dritten Reich zu bekommen." Knott wurde zweimal von der Gestapo vernommen, konnte sich aber geschickt verteidigen. Das Verfahren gegen ihn wurde eingestellt. Am 13. Januar 1943 kam es zu krawallartigen Protesten von Studentenseite: Anläßlich der 470-Jahr-Feier der Münchner Universität hielt Gauleiter Giesler im Kongreßsaal des Deutschen Museums eine Rede vor der versammelten Studentenschaft, in der er die weiblichen Studierenden auf plumpeste Weise dazu aufforderte, statt zu studieren sich den Soldaten hinzugeben und dem "Führer" Kinder zu gebären. Er wurde daraufhin öffentlich ausgepfiffen und ausgebuht. Da die meisten Studenten in ihrer Wehrmachtsuniform erschienen waren, scheute die herbeigerufene Polizei davor zurück, Verhaftungen vorzunehmen. Zeitzeugenberichten zufolge breitete sich in den Tagen danach fast eine prärevolutionäre Stimmung in Studentenkreisen aus. Als Anfang Februar der Untergang der VI. Armee in Stalingrad bekannt gegeben wurde, verstärkte sich noch das Gefühl, daß ein Ende des Regimes bevorstehe. Außerhalb der Universität war es für Studenten leichter, sich Freiräume zu schaffen. In kleinen Kreisen taten sich solche zusammen, die intellektuell neugierig waren, ungezwungen über Kunst, Literatur und die politische Entwicklung diskutieren oder auch einfach abseits von Nationalsozialismus und Krieg ihren Spaß haben wollten. Vor allem in Schwabing gab es ein ausgeprägtes Studentenmilieu mit Kneipen, Tanzbars und privaten Festen, das den nationalsozialistischen Normen und Vorstellungen einer disziplinierten, gleichgeschalteten Jugend zuwider lief. Stammkneipen waren zum Beispiel der "Alte Simpel", den es noch heute gibt, oder das "Allotria", ebenfalls in der Türkenstraße, oder die "Brennessel" an der Ecke Leopold-/Hohenzollernstraße. Eine große Rolle spielte der aus England und Amerika kommende Swing und Jazz. In der Adalbertstraße gab es hinter der Kneipe "Papa Steinicke" einen Theatersaal, in dem noch bis in die 40er Jahre Jazz-Veranstaltungen stattfanden. Als im Mai 1940 ein generelles Tanzverbot erlassen wurde, wichen die Jugendlichen auf private "Hausfeste" aus. Gepfiffene Melodien des "St. Louis-Blues", von "I can't give you anything but love" und andere einschlägige Hits dienten Gleichgesinnten auf der Straße als Erkennungszeichen, denn "wer den Jazz liebte, konnte kein Nazi sein". Eine Gruppe, in der diese kulturellen Verweigerungsformen besonders weit getrieben wurden, war der Freundeskreis von Franz Geiger und Lorenz Cosmann . Die nationalsozialistischen Behörden wurden aufgrund einer Denunziation auf ihn aufmerksam. Im Februar 1943 erschien die Hausgehilfin Maria Spiegel bei der Gestapo und gab zu Protokoll: Sie sei eines Morgens in die Wohnung ihrer Arbeitgeberin gekommen, die verreist war. Es habe eine "verheerende Unordnung" geherrscht, 20 bis 30 leere Weinflaschen hätten auf dem Küchentisch gestanden, und auf den Sofas und in den Betten hätten junge Leute geschlafen. Der Sohn des Hauses, der damals gerade 22 Jahre alt gewordene Cosmann, hatte offensichtlich ein Faschingsfest gefeiert und mit seinen Freunden "bis zum Morgen gesoffen". Wenn schon dies der Gestapo kurz nach dem Debakel in Stalingrad verdächtig vorkommen mußte, so noch mehr die Anschuldigungen, die das Dienstmädchen weiter vorbrachte: "Beim Aufräumen des Wohnzimmers habe ich mehrere auf dem Tisch liegende Zettel vorgefunden. Auf den einzelnen Zetteln war der Führer, Reichsmarschall Göring, Dr. Goebbels, Mussolini und Roosevelt mit Bleistift gezeichnet. Wer die Zeichnungen gefertigt hat, kann ich nicht sagen. Auf der Zeichnung des Führers stand unten mit Bleistift geschrieben folgender Vermerk: 'Das ist unser Untergang! Lorenz Cosmann'. Am unteren Rand der Zeichnung des Roosevelt stand ebenfalls mit Bleistift geschrieben: 'Soll leben!'. Die Zeichnungen des Reichsmarschalls Göring, Dr. Goebbels und Mussolini waren mit Vermerken in fremder Sprache versehen." Als das Dienstmädchen später von Cosmann erfuhr, daß er "Halbjude" war, beschloß sie, ihn zu denunzieren. Sie schnüffelte ihm hinterher, überprüfte sein Bett nach Spuren von Geschlechtsverkehr und notierte sich regimefeindliche Äußerungen, die er ihr gegenüber gemacht hatte. Auf ihre Denunziation hin ließ die Gestapo Cosmann und sechs seiner engeren Freunde sowie andere nur mittelbar beteiligte Personen mehrmals vernehmen. Cosmann kam in Untersuchungshaft. Die jungen Leute mußten zugeben, daß sie in den letzten Wochen bei mehreren Gelegenheiten gefeiert, sich zum Teil maskiert und dabei auch getanzt hatten. Die Gestapo stellte Strafanzeige gegen Cosmann, da sie gegen ihn als "Halbjuden" am leichtesten eine Handhabe hatte: "Weiter wurde festgestellt, daß Cosmann in echt jüdischer Weise die Zechgelage für sich zu seiner geschlechtlichen Befriedigung ausgenützt hatte. (...) Ein strafbarer Tatbestand ist in diesem Falle zwar nicht gegeben, jedoch ist der Geschlechtsverkehr zwischen Halbjuden und Deutschblütigen nicht erwünscht und wird mit staatspolizeilichen Maßnahmen geahndet. Das Verhalten des Halbjuden Cosmann, insbesondere die Bemerkung auf der Zeichnung des Führers, die Veranstaltung der Zechgelage mit dem Motto 'Fasching in Schwabing' zu einer Zeit, in der im Osten unsere Soldaten, namentlich die der VI. Armee auf Leben und Tod kämpfen, muß als verwerflich bezeichnet und kann nicht hart genug beurteilt werden." In der wichtigsten Sache hielten die Freunde Cosmanns dicht: Sie bestanden darauf, daß niemals politische Gespräche geführt und keine Karikaturen von Hitler oder Goebbels angefertigt worden seien. Als es nach Monaten Cosmanns Mutter gelang, frühere Arbeitgeber der Denunziantin herbeizuschaffen, die bescheinigten, daß es sich um eine "lügnerische", "rachsüchtige" und "unzuverlässige" Person handele, wurde das Verfahren eingestellt. Was die Gestapo ahnte, aber nicht beweisen konnte: Die Freunde trafen sich oft und waren sich völlig einig in der Ablehnung des NS-Regimes - nicht so sehr aus einem konkreten politischen Bewußtsein heraus als aus einem Gefühl für die Verlogenheit und Borniertheit der nationalsozialistischen Parolen. Bei ihren Faschingsfesten wurden die selbstgemalten Karikaturen von Nazi-Größen, die das Dienstmädchen auf dem Wohnzimmertisch gesehen hatte, als Wandschmuck verwendet. Aus Provokationslust begingen sie Streiche, die manchmal durchaus eine politische Stoßrichtung hatten: Im Winter 1942/43 demolierten sie mehrmals nachts während der Verdunkelung die Auslagen der Stürmer-Kästen und verstreuten Flugblätter, die zum Sturz der Hitler-Regierung aufriefen. Bei anderen Gelegenheiten produzierten sie auch Flugblätter dadaistischer Art mit Texten wie: "Warum haben Sie eigentlich keine schönere Frau? Es laufen doch genug herum! Na also!". Cosmanns Freunde Franz Geiger und Hans Brückner hatten eine besondere Vorliebe für absurd-komische Aktionen, die die Nationalsozialisten ärgern sollten: So stellte sich Brückner einmal in einer SS-Uniform mit einem Fleischermesser zwischen den Zähnen grimassierend an ein Fenster, um die draußen vorbeigehenden Leute zu erschrecken, und Geiger hielt die Wette, daß er splitternackt von seiner Wohnung in der Franz-Joseph-Straße bis zum Eingang des Englischen Gartens und zurück laufen könne, ohne daß ihm etwas passiere. Auch führten die Freunde eine Art Chronik mit dem Tarntitel "Wilhelm Busch", in der sie neben Zeichnungen und albernen Sprüchen auch Spottgedichte auf den Nationalsozialismus niederlegten: "Wenn irgendwo das freie Wort verboten, Und wenn die Dummheit schönste Früchte trägt; Wenn in den Ämtern dummfreche Heloten Ein blödes Schlagwort für das Volk geprägt; Wenn die Gerechtigkeit zurechtgebogen, Und ein Freund Großmaul große Reden schwingt, Kann man vom Volk, das man erst ausgezogen, nicht noch verlangen, daß es fröhlich singt. ----------------------- Nevertheless: we sing still!" Der glimpfliche Ausgang, den das Verfahren vor dem Sondergericht für Cosmann nahm, täuscht. Bereits vor der Denunziation durch das Dienstmädchen war er in Haft gewesen: Er hatte im August 1942 für seinen Vater, der als "Volljude" deportiert werden sollte, einen Fluchtweg über die grüne Grenze in die Schweiz erkundschaften wollen und war dabei gefaßt worden. Der Vater kam nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz, wo er ermordet wurde. Lorenz Cosmann saß wegen "Paßvergehens" drei Monate im Gefängnis - nur der Anfang einer langen Odyssee durch verschiedene Gefängnisse und Lager des Reichs. Die zehn Wochen Freiheit im Winter 1942/43, als er mit seinen Freunden Feste feierte und Flugblätter verteilte, waren nur ein kurzes Intermezzo: Denn nach seiner Entlassung aus der Untersuchungshaft im Herbst 1943 internierte man ihn sofort in einem Lager für "Halbjuden". Von dort floh er im August 1944 zu seiner Freundin nach Marburg. Er wurde nach wenigen Tagen verraten, von der Gestapo festgenommen und in ein Außenlager Buchenwalds verbracht. Er unternahm im Dezember 1944 einen weiteren Fluchtversuch, der zunächst auch glückte. Doch schließlich verließen ihn die Kräfte, und er mußte sich einer SS-Wache stellen. Zurück in Buchenwald, sollte er eigentlich sofort gehängt werden. Doch die illegale Lagerleitung rettete ihn vor dem Galgen und versteckte ihn in einem Außenkommando. Er gehörte, schwerkrank und auf 40 Kilo abgemagert, zu den 21 000 überlebenden Häftlingen Buchenwalds, die die amerikanischen Truppen am 11. April empfingen. Nach dem Krieg fand Lorenz Cosmann nie mehr in die Normalität zurück. Enttäuscht wandte er sich in den 60er Jahren ganz von der Bundesrepublik ab und zog in die DDR. Wie fließend die Grenzen zwischen organisiertem, politischem Widerstand und jugendlicher Resistenz sein konnten, zeigt die Geschichte von Cosmanns Freund Franz Geiger. Durch sein ganz nach Frankreich und England hin orientiertes Elternhaus war Geiger von Anfang an gegen den Nationalsozialismus immunisiert. Sein Vater, ein bekannter Kunstmaler, hatte ihm die Respektlosigkeit gegenüber jeder Art von äußerer Autorität regelrecht anerzogen. Im Atelier des Lebensgefährten der Mutter - die Eltern waren geschieden - produzierte die "Weiße Rose" ihre Flugblätter. Als 16jähriger Bub radelte Franz Geiger in den Sommerferien 1937 nach Marseilles, um bei der Fremdenlegion anzuheuern, wurde aber zu seinem großen Bedauern wegen seines jugendlichen Alters abgewiesen. Den HJ-Dienst wußte er geschickt zu vermeiden, indem er einen befreundeten HJ-Gefolgschaftsführer bat, ihm die nötigen Bescheinigungen auszuschreiben. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit suchte er die Provokation: Als der Krieg gegen England ausbrach, schlenderte er mit einem Freund - "und jetzt gehen wir ganz englisch" - in schwarzem Anzug und weißen Gamaschen, den obligatorischen Regenschirm schwingend, aufreizend-lässig durch Schwabing. Im Sommer 1941, nach seinem Abitur, wurde er eingezogen und kam an die Ostfront. Verwundet und krank wurde er ein Jahr später nach München in die Dolmetscher-Kompanie versetzt, die später maßgeblich an der "Freiheitsaktion Bayern" beteiligt war. Da er gut französisch sprach, dolmetschte er in den französischen Kriegsgefangenenlagern rund um München und am Kriegsgericht. Im Wintersemester 1942/43 erhielt er Studienurlaub, um an der Universität Romanistik zu studieren. In diese Zeit fielen die Faschingsfeste bei ihm und Lorenz Cosmann, und Cosmanns Verhaftung. Ende Februar wurde Geiger von der Gestapo vernommen, weil er über Manfred Eickemeyer die Mitglieder der "Weißen Rose" kennengelernt und an ihren Lese- und Diskussionsabenden teilgenommen hatte. Obwohl er heute sagt, in ihre Flugblattproduktion eingeweiht gewesen zu sein, konnte ihm eine Mitwisserschaft nicht nachgewiesen werden. Doch durch seine Arbeit in den Kriegsgefangenenlagern geriet er bald darauf selber in den Widerstand. Er bekam Kontakt zu Mitgliedern der Résistance und fungierte als Mittelsmann zu einem Militärarzt, der die von der Résistance angeforderten Franzosen krankschrieb und entließ. Im Oktober 1943 wurde er von seinem Freund Hans Brückner darauf angesprochen, ob er Informationen und Gerüchte über NS-Kreise in München sammeln und an einen Sender im Ausland weitergeben wolle. Als er gerade dabei war, einen Code für die Übermittlung seiner Nachrichten herzustellen, wurden er, Hans Brückner und ein weiterer Freund, der in diese Aktion verwickelt war, verhaftet. Nachdem er einige Wochen im Untersuchungsgefängnis der Wehrmacht in der Leonrodstraße gesessen hatte, wurde er im Mai 1944 in die Festung Torgau verlegt, wohin sich das ausgebombte Reichskriegsgericht aus Berlin zurückgezogen hatte. Dort sollte das Gerichtsverfahren stattfinden, die Todesstrafe war beantragt. Aufgrund der guten Beziehungen seiner Eltern bekam er einen ausgezeichneten Anwalt, dem es gelang, die Verhandlung bis zur utopischen, aber öffentlich nicht gut zu leugnenden "Rückeroberung von Paris" zu vertagen, weil dort angeblich wichtige Entlastungszeugen säßen. Als die Russen in Torgau ankamen, flüchtete Geiger und tauchte bei einer Freundin unter, wo er das Kriegsende abwartete. Politischer Widerstand von Jugendlichen Aus jugendlichen Cliquen und Freundeskreisen, die sich den Ansprüchen des Nationalsozialismus verweigerten, konnte in vereinzelten Fällen auch politischer Widerstand entstehen. Dieser brauchte - anders als der Widerstand von Erwachsenen - nicht an politische Traditionen der Weimarer Zeit anzuknüpfen. Er war eigenständig, wenn auch natürlich geprägt von Ideen- und Glaubensinhalten, die die Jugendlichen von ihren Eltern oder auch aus der Literatur übernahmen. Der Klingenbeck-Kreis "Klingenbeck hat seit dem September 1939 fortgesetzt die Nachrichtenübertragungen ausländischer Sender, insbesondere des englischen Rundfunks und anderer Feindsender abgehört. Seit Anfang 1941 hat er hierzu auch wiederholt die Mitangeschuldigten hinzugezogen und ferner die abgehörten Meldungen mündlich weitergegeben. Außerdem hat er die auf die Zersetzung des deutschen Widerstandswillens und den Sturz der deutschen Staatsführung gerichteten Ziele der feindlichen Kriegspropaganda dadurch gefördert, daß er nach den Weisungen des feindlichen Rundfunks Schmierpropaganda betrieben sowie die Herstellung von Flugblättern vorbereitet hat, durch die der Inhalt der feindlichen Sendungen und andere hetzerische Nachrichten in der Öffentlichkeit verbreitet werden sollten. Weiter hat er die Errichtung eines eigenen Schwarzsenders in Angriff genommen, mit dem er Hetzsendungen nach dem Vorbild der feindlichen Rundfunkpropaganda durchführen wollte, und zu diesem Zweck mehrere Sendeanlagen gebaut und in Betrieb gesetzt." Liest man die ersten Sätze der Anklageschrift des Volksgerichtshofs gegen Walter Klingenbeck und seine Freunde, so meint man, es mit einem hochkonspirativen Unternehmen zu tun zu haben. In Wirklichkeit handelte es sich um eine Gruppe von Lehrlingen, fast noch Kinder, die zum Zeitpunkt ihrer Verhaftung im Januar 1942 erst 16 oder 17 Jahre alt waren. Zusammengehalten wurden sie durch ihre technische Leidenschaft für das Radio. Walter Klingenbeck arbeitete als Anlernschaltmechaniker bei der Firma Rohde und Schwarz. Dort lernte er den Praktikanten Daniel von Recklinghausen kennen. Der Dritte im Bunde, Hans Haberl, war Hochfrequenztechniker. Er teilte sich ein gemietetes Zimmer mit Erwin Eidel, der eine Lehre als Flugmotorenschlosser machte und ihm sein Radio für Abhörversuche zur Verfügung stellte. Klingenbeck, Haberl und Eidel kamen aus einem katholisch-kleinbürgerlichen Milieu. Recklinghausen stammte aus einer bedeutenden Naturwissenschaftlerfamilie, wurde in den USA geboren und kam mit seiner Familie erst in den 30er Jahren nach Deutschland. Klingenbeck war der eigentliche Initiator und Organisator des Kreises, seine treibende Kraft. Das katholische Bekenntnis spielte für ihn eine große Rolle. Als Mitglied der katholischen Jungschar von St. Ludwig erlebte er in den 30er Jahren die zahlreichen Konfrontationen und Schikanen, denen die christliche Jugend ausgesetzt war, hautnah mit. Schon als Elfjähriger beschäftigte er sich intensiv mit den Bestimmungen des Konkordats. Zusammen mit seinem Vater hörte er die Sendungen von Radio Vatikan, in denen die nationalsozialistischen Verstöße gegen das Konkordat und die Verfolgung der Kirche angeprangert wurden. 1936 wurde Klingenbecks Jungschargruppe ganz aufgelöst und dem Jungvolk der HJ eingegliedert. Als sein Vater 1939 aufhörte, die verfemten und verbotenen "Feindsender" zu hören, machte er alleine weiter. Aus den ausländischen Radioprogrammen holte er sich seine politische Orientierung - sie waren das einzige Medium, mit dem das Informationsmonopol des Regimes durchbrochen werden konnte. In Klingenbeck wuchs die Überzeugung, daß der Nationalsozialismus ein verbrecherisches Regime sei und der Krieg niemals gewonnen werden könne. Schließlich begnügte er sich nicht mehr damit, diese Informationen zu rezipieren: Er wollte dem Sieg der Alliierten selber Vorschub leisten und sein Wissen und seine Überzeugung propagandistisch verbreiten. Konkrete Planungen wurden ihm erst möglich, als er sich mit Gleichaltrigen zusammentat, die wie er mehr oder weniger fest im katholischen Milieu verwurzelt waren und den Nationalsozialismus ablehnten, die besonders aber seine Radioleidenschaft teilten. Der Widerstand der Jungen gegen das nationalsozialistische Regime nahm seinen Anfang in einer Abhörgemeinschaft. Im Frühjahr 1941 erzählte Klingenbeck seinem Freund Hans Haberl von seinen Versuchen mit den verbotenen Sendern, und Haberl begann daraufhin selber auf dem Radio seines Zimmergenossen Eidel zu experimentieren. Im Sommer stieß Recklinghausen dazu. Oft trafen sich die drei zum gemeinsamen Abhören und tauschten Meldungen und Erfahrungen aus. Es konnte für sie kein Zweifel mehr bestehen, daß Deutschland den Krieg verlieren würde. Besonders fasziniert waren die Jungen von haarsträubenden Gerüchten, die vor allem der Sender "Gustav Siegfried 1" verbreitete: Die Abstürze der berühmten Militärflieger Udet und Mölders seien von der NSDAP absichtlich herbeigeführt worden; an der Ostfront sei der Flecktyphus ausgebrochen; hohe Funktionäre würden sich wilden sexuellen Ausschweifungen hingeben, z.B. hätten "SS-Männer in Norwegen einen Pfarrer auf ein Schiff gebracht und dort gezwungen (...), in ihrer Gegenwart mit Frauen geschlechtlich zu verkehren", auch sei in Paris von drei SS-Männern ein sogenannter "Schweineklub" gegründet worden, und es gebe eine "Meldung, daß der in Plön bei Kiel wohnende Admiral a.D. Albrecht mit der Filmschauspielerin Jutta Freybe zusammenlebe und sie veranlaßt habe, sich bei Zechgelagen mit Matrosen diesen in seiner Gegenwart hinzugeben." Diese und andere Gerüchte, die sie wahrscheinlich selbst nicht glaubten, erzählten sie wiederum ihren Freunden und jugendlichen Kollegen weiter. Im Spätsommer 1941 begannen die Jungen mit eigenen Aktionen. Klingenbeck und Recklinghausen gingen mit einem Eimer schwarzer Lackfarbe nach Bogenhausen, und während Recklinghausen Wache stand, malte Klingenbeck an mehrere Stellen große V-Zeichen. Auf diese Idee waren sie gekommen, weil der englische Sender BBC im Rahmen der sogenannten V-Kampagne seit Januar 1941 die Bewohner der von den Deutschen besetzten Gebiete aufgefordert hatte, V-Zeichen anzubringen, die für "Victoire" oder "Victory", also für den Sieg der Alliierten standen. Klingenbeck wollte nun auch ein eigenes Flugblatt vervielfältigen, und zwar unter dem von der BBC verbreiteten Motto "Hitler kann den Krieg nie gewinnen, er kann ihn nur verlängern". Zur Illustration besorgte er Photos gefallener Soldaten. Zusammen mit Haberl plante er ein weiteres Flugblatt, um das selbstfabrizierte Gerücht zu verbreiten, der Reichspropagandaminister Goebbels habe durch seine amourösen Nachstellungen eine Tänzerin in den Selbstmord getrieben. Haberl schlug vor, die Flugblätter mit einem selbstgebauten ferngesteuerten Modellflugzeug abzuwerfen, mit dessen Konstruktion sein Zimmergenosse Eidel gerade beschäftigt war. Ihrer technischen Leidenschaft entsprach der Plan, einen eigenen Schwarzsender zu errichten, der die Nachrichten der ausländischen Sender sammeln und in deutscher, französischer und italienischer Sprache weiterverbreiten sollte. Die Jungen dachten sich mehrere Namen für den Sender aus: Er sollte "Radio Rotterdam" heißen, um an die Vernichtung der Stadt durch deutsche Luftangriffe zu erinnern, oder "Sender der Freiheit" oder "Gustav Siegfried 8". Haberl und Klingenbeck bauten einen Kurz- und zwei Mittelwellensender, die sie im Dreieck in ihren jeweiligen Wohnungen aufstellen wollten, um der Polizei die Verortung des Senders zu erschweren. Zusammen mit anderen jugendlichen Bekannten, die aber wohl vom politischen Hintergrund dieser Experimente wenig wußten, machten sie mehrere Sendeversuche, wobei sie Schallplattenmusik, telegraphische Zeichen und gesprochenen Text sendeten. Die Schallplatten waren von Recklinghausen selbst hergestellt und mit Text und Musik aus dem französischen Radio bespielt worden. Die Probesendungen waren noch nicht über das Stadium allererster kleiner Erfolge hinaus, als leichtsinnige Äußerungen Klingenbecks dem Kreis zum Verhängnis wurden. Klingenbeck hatte in einem Geschäft, in dem er aushilfsweise arbeitete, anläßlich einer Radioübertragung einer Hitler-Rede geäußert: "Der soll sein Maul nicht so voll nehmen und lieber an seinen siegreichen Rückzug denken". Außerdem hatte er gegenüber einem mit der Geschäftsinhaberin befreundeten Ingenieur damit angegeben, daß er sich getraut habe, vor der SS-Kaserne in Freimann ein "V" hinzumalen und am nächsten Morgen zuzuschauen, wie es wieder weggewaschen wurde. Er wurde denunziert und am 26. Januar 1942 festgenommen. Wenige Tage später kamen auch Haberl und Recklinghausen in Haft. Angeblich beschlagnahmte die Gestapo in ihren Wohnungen ganze Wäschekörbe voller Radiomaterial. Acht Monate saßen die Jungen in Untersuchungshaft. Klingenbeck nahm die ganze Verantwortung auf sich. Im September 1942 kam es zur Verhandlung vor dem Volksgerichtshof. Dessen Vizepräsident, der fanatische Nationalsozialist Karl Engert, verurteilte Klingenbeck, Recklinghausen und Haberl zum Tode, Eidel zu acht Jahren Zuchthaus. In dem Urteil hieß es: "Klingenbeck hat geltend gemacht, er sei streng katholisch erzogen worden und habe aus dieser Einstellung heraus gehandelt. Dabei sei er sich darüber klar gewesen, daß seine Tat ihn den Kopf kosten könne. Die nationalsozialistische Ideenwelt sei ihm ihrem wesentlichen Inhalt nach zur Zeit der Tat fremd gewesen. (...) Sämtliche Angeklagten waren zur Tatzeit jugendlich, aber über 16 Jahre alt und sind ihrer geistigen und sittlichen Entwicklung nach einer über 18 Jahre alten Person gleich zu achten." Elf Monate warteten sie in Stadelheim auf den Tod. Im August 1943 wurden Recklinghausen und Haberl zu acht Jahren Zuchthaus begnadigt. Klingenbeck wurde drei Tage später hingerichtet. Haberl, Recklinghausen und Eidel blieben bis zum Kriegsende in Haft. Von den Alliierten befreit, traten sie als 22jährige wieder ins Leben. Haberl errichtete mit einem Freund eine Rundfunkwerkstätte. Recklinghausen arbeitete als Radiomechaniker in der Werkstatt einer amerikanischen Einheit und wanderte später in die Vereinigten Staaten aus. Die "Weiße Rose" Ein gutes Jahr nach der Verhaftung des Klingenbeck-Kreises wurden die Mitglieder der "Weißen Rose" gefangen genommen, verurteilt und hingerichtet. Sie waren wesentlich älter, gebildet und belesen, hatten einen hohen moralischen und intellektuellen Anspruch und fühlten sich zu Außerordentlichem berufen. Trotz ihres ausgeprägten Elitebewußtseins und des hohen Reflexionsniveaus, auf dem sich ihre Widerstandsaktionen abspielten, waren sie doch auch Jugendliche: Bis auf Christoph Probst, der mit 24 Jahren schon drei Kinder hatte und deswegen eigentlich aus der Widerstandstätigkeit herausgehalten werden sollte, waren alle jungen Mitglieder der "Weißen Rose" noch ohne feste Bindungen und ohne Beruf, für den sie Kompromisse hätten machen müssen. Man war befreundet, suchte gemeinsam nach Wahrheit und Glück, es gab Liebesaffairen und emotionale Wirrungen, man entwickelte sich zusammen, und erst aus diesem formlosen und lebendigen Miteinander entstanden die Widerstandsaktionen. In einem Brief von Probst an Hans Scholl kommt zum Ausdruck, wie wichtig Freundschaft für die Beteiligten war: "Es ist merkwürdig, daß gerade jetzt der erste Brief von Dir kam, denn gerade in der letzten Woche ist ein so starkes Gefühl der Sehnsucht nach Euch in mir erwacht. Es ist wahr: Ich habe alles erlebt und gesehen, als sei es mit Euch zusammen, und ich habe die Trennung oft so schmerzlich empfunden. Immermehr habe ich gespürt, wie sehr mein Leben dieser echten männlichen Freundschaft bedarf, des geistigen Austausches - aber noch viel mehr dessen der Herzen." Obwohl Sophie Scholl dagegen ankämpfte, herrschten in der "Weißen Rose" die zeitüblichen traditionellen Geschlechterrollen vor. Mädchen sollten aus der Widerstandstätigkeit herausgehalten werden. Ihre Kontakte knüpften und pflegten diese Jugendlichen weniger in den Hörsälen der Universität, wo sie studierten, als in den Studentenkompanien und bei nicht-öffentlichen kulturellen Veranstaltungen - beim Chorsingen, Fechten, im Zeichenunterricht und vor allem auf privaten Diskussionsabenden. Das gemeinsame Interesse für Literatur und Kunst, auch die vom Nationalsozialismus verfemte, galt als Erkennungszeichen. Die Beteiligten stammten alle aus bildungsbürgerlichen Elternhäusern, die gegenüber Kunst und Wissenschaft aufgeschlossen waren. Keiner von ihnen gehörte zu einer alteingesessenen Münchner Familie. Sie waren Idealisten, die sich auch in der Vergangenheit nie angepaßt oder bequem verhalten und die Freiheit ihres Gewissens immer hoch geschätzt hatten. Gerade aus ihrem Idealismus heraus hatten sich allerdings die Geschwister Scholl in Ulm, wo sie aufwuchsen, nach der "Machtergreifung" für den Nationalsozialismus engagiert. Hans Scholl war im Mai 1933 gegen den Willen seiner Eltern in die HJ eingetreten und hatte mit seiner Begeisterung die Geschwister mitgezogen. Seit 1934 führte er im "Jungvolk" eine Gruppe von zehn bis 15 Jungen, die sich elitär verstand und eigentlich verbotene bündische Traditionen pflegte. Als die Aufbruchstimmung in der HJ immer deutlicher ihrem Zwangscharakter und ihrer weltanschaulichen Borniertheit wich, bekam Hans Scholl Probleme. Seine Gruppe wurde im Frühjahr 1935 aufgelöst, heimlich führte er sie noch eine Zeitlang weiter. Im Dezember 1937 verhaftete man ihn und seine vier Geschwister wegen "bündischer Umtriebe". Auch Sophie Scholl war - damals noch ein Kind - 1933 beim "Bund Deutscher Mädchen", wandte sich aber später mit großer Konsequenz gegen den Nationalsozialismus und seinen Krieg, dessen Ungerechtigkeit und Bösartigkeit sie stark empfand. Willi Graf war durch seinen starken christlichen Glauben von Anfang an gegen den Nationalsozialismus eingestellt. Er strich alle Bekannten, die Anfang der 30er Jahre der HJ beitraten, aus seinem Adreßbuch. Als Mitglied der katholischen Jugendorganisation "Bund Neudeutschland" und der illegalen bündischen Jugendgruppe "Grauer Orden" wurde er 1938 inhaftiert. Christoph Probst und Alexander Schmorell verstanden sich, bis zu ihrem Schritt in den Widerstand, als unpolitische Menschen. Sie beugten sich nur sehr widerwillig den Ansprüchen des Nationalsozialismus und zogen sich, so weit es irgend ging, in Wissenschaft und Kunst zurück. Kein Mitglied der "Weißen Rose" vertrat einen demokratischen Parlamentarismus, keiner von ihnen wollte zurück zur Weimarer Verfassung. Auch eine sozialistische Staatsform strebten sie nicht an. Sie hatten nur vage Alternativvorstellungen eines auf christlicher Grundlage errichteten, föderalen Rechtsstaates und einer ständisch aufgebauten Volksvertretung. Ihre Haltung zum Krieg war durchaus widersprüchlich und veränderte sich im Lauf der Jahre. Hans Scholl verband noch 1939 mit dem Krieg die metaphysische Hoffnung auf eine Rettung Europas. Doch sie sahen mit einer seltenen Klarheit, daß sie in einem verbrecherischen Staat lebten, der ihnen ihre persönliche geistige Freiheit raubte und Deutschland und Europa in den Untergang zog. Zunächst beschäftigte sie daran weniger die politische als die moralisch-ethisch-philosophische Seite. Sie stellten sich sehr grundsätzliche Fragen: Was ist Sinn und Zweck des Staates? Wie kommt der Staat überhaupt zustande? Welche Rolle spielt das Individuum darin? Was muß der einzelne Mensch für den Staat tun? Auch metaphysische Fragen knüpften sich daran: Was ist das Böse? Wo beginnt Schuld? Wie kann der Mensch zum Guten kommen? Um Antworten zu finden, lasen sie alte Literatur: die deutschen Klassiker, Aristoteles, Lao-Tse, den Kirchenvater Augustinus. Viele Zitate aus diesen Werken arbeiteten sie in die Flugblätter ein. Sie diskutierten und lernten bei den geistigen Größen Münchens, bei Carl Muth, Theodor Haecker und Kurt Huber, und fanden so in die liberale, rechtsstaatliche Tradition des Christentums, das an die Verankerung des Sittlichen im Menschen glaubt. Die Schlußfolgerung, die sie schließlich zogen, war eindeutig: Aufruf zum Widerstand, bevor es zu spät ist. Den engsten Kern der Widerstandstätigkeit bildeten Hans Scholl und Alexander Schmorell. Sie lernten sich im Herbst 1940 als Mitglieder der zweiten Studentenkompanie, in der sie für den Militärdienst erfaßt waren, kennen. Im Frühjahr 1941 lud Schmorell Hans Scholl auf Leseabende ein, die er mit seinem Schulfreund Christoph Probst im Haus seines Vaters arrangierte. Traute Lafrenz und andere Freunde, die sich zum Teil auch aus der Studentenkompanie rekrutierten, fanden sich an diesen Abenden ein. Seit der Jahreswende 1941/42 pflegte Hans Scholl intensiven Austausch mit den Privatgelehrten Carl Muth und Theodor Haecker. Religiöse Themen, die Suche nach Gott und dem wahren Leben, rückten für ihn in den Vordergrund. Im April 1942 kam auch Willi Graf zum Medizinstudium nach München. Einen Monat später stieß Hans Scholls Schwester, die 21jährige Sophie, dazu. Hans Scholl lernte den Architekten Manfred Eickemeyer kennen, der sein Atelier für Treffen und Diskussionsabende zur Verfügung stellte und dem Kreis von den deutschen Verbrechen an der polnischen Zivilbevölkerung erzählte. Professor Kurt Huber kannten die Geschwister Scholl und Willi Graf schon aus seinen Philosophievorlesungen. Persönlich lernten sie ihn auf einer privat veranstalteten Lesung kennen, wo er sie dadurch beeindruckte, daß er sich in einer plötzlich entfachten politischen Diskussion entschieden gegen den Nationalsozialismus wandte. Das erste Flugblatt der "Weißen Rose" verfaßten Hans Scholl und Alexander Schmorell im Frühsommer 1942. Sie vervielfältigten ihren Entwurf im Keller des Ateliers von Eickemeyer. "Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique 'regieren' zu lassen. Ist es nicht so, daß sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wenn das deutsche Volk schon so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, daß es ohne eine Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmäßigkeit der Geschichte, das Höchste, das ein Mensch besitzt, und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst miteinzugreifen in das Rad der Geschichte und es seiner vernünftigen Entscheidung unterzuordnen, wenn die Deutschen so jeder Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen und feigen Masse geworden sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang. (...) Leistet passiven Widerstand - Widerstand - wo immer Ihr auch seid, verhindert das Weiterlaufen dieser atheistischen Kriegsmaschine, ehe es zu spät ist, ehe die letzten Städte ein Trümmerhaufen sind, gleich Köln, und ehe die letzte Jugend des Volkes irgendwo für die Hybris eines Untermenschen verblutet ist. Vergeßt nicht, daß ein jedes Volk diejenige Regierung verdient, die es erträgt. (...)" Mehrere hundert Exemplare dieses Flugblatts verschickten Scholl und Schmorell mit der Post. In schneller Folge produzierten und verschickten sie während der nächsten sechs Wochen im Juni/Juli 1942 drei weitere Flugblätter. Die Flugblätter waren auf beiden Seiten eng bedruckt mit Zitaten und eigenen Texten, deren Sprache und Inhalt so komplex und dicht waren, daß sie eindeutig nur auf Akademiker abzielten. Das zweite Flugblatt empörte sich über die massenhafte Ermordung von Juden und Polen seit Beginn des Krieges und wies auf die Schuld hin, die jeder auf sich lade, der angesichts dieser Verbrechen schweige. Im dritten Flugblatt ging es um Grundfragen der Rechtsstaatlichkeit, gegen die der Nationalsozialismus so offensichtlich verstieß. Es gebe eine sittliche Pflicht, für einen gerechten Staat und die eigene Freiheit zu kämpfen; wer dies nicht tue und die "Diktatur des Bösen" aus Feigheit dulde, werde verdientermaßen untergehen. In allen Bereichen müsse Sabotage geleistet werden. Das vierte Flugblatt beschrieb den Widerstand im Sinne von Hans Scholls philosophisch-metaphysischer Weltsicht als einen Kampf um die höchsten Güter der Menschheit gegen das Irrationale, die "dämonischen Mächte". Christoph Probst und Manfred Eickemeyer wurden von Scholl und Schmorell eingeweiht, wahrscheinlich war auch Willi Graf schon informiert. Sophie Scholl und Traute Lafrenz, die damalige Freundin Hans Scholls, sollten eigentlich als "Mädchen" aus der Sache ganz herausgehalten werden. Da sie auf ihrer Mitwirkung bestanden, wurde Traute Lafrenz an der Verteilung der Flugblätter beteiligt. Sophie Scholl bekam darüber hinaus die Verwaltung der gemeinsamen Kasse anvertraut. Man kann sich heute kaum vorstellen, wie spektakulär diese Flugblätter auf die Personen gewirkt haben müssen, die sie zu lesen bekamen. In einer Zeit, als jeder noch so harmlose politische Witz mit Zuchthausstrafen geahndet wurde, mußten Texte einer solchen intellektuellen Brillianz und moralischen Eindringlichkeit ungeheuerlich erscheinen. Ende Juli erfuhr die Widerstandsarbeit eine Unterbrechung: Scholl, Schmorell und Graf wurden zur Famulatur an die Ostfront kommandiert. Bei einem Abschiedsabend im Atelier Eickemeyers kam es zu einer Grundsatzdiskussion darüber, wie man sich an der Front verhalten solle. Schmorell, der sich wegen seiner halbrussischen Abstammung Rußland sehr verbunden fühlte, bekannte offen, daß er passiven Widerstand leisten und weder auf Russen noch auf Deutsche schießen werde. Darüber, wie sich die anderen Freunde zum Kriegseinsatz stellten, gibt es eine widersprüchliche Überlieferung. Kurt Huber sagte später in einem Gestapo-Verhör, daß er selber und alle anderen Anwesenden den Kriegseinsatz gegenüber Schmorell verteidigt hätten: "Von den jungen Leuten wurde insbesondere davon gesprochen, wie sie sich im Felde verhalten werden. Schmorell hat dabei hervorgehoben, daß er sich ganz passiv verhalten wolle, während Scholl, alle Studentinnen, (Otl, Anm. d. Verf.) Aicher und ich der Auffassung waren, daß sie im Kampf ihren Mann stellen müssen. Scholl, Eickemeyer und ich vertraten den Standpunkt, daß die Tätigkeit der SS-Verbände im Feld das Ansehen der allgemeinen Wehrmacht beeinträchtige. Durch die uns bekannt gewordenen Erschießungen von Polen und Russen waren wir zu dieser Ansicht gekommen. Schmorell vertrat ganz offen den Standpunkt, daß ein passiver Widerstand das zweckmäßigste sei. In seiner Auffassung wurde er aber von allen übrigen Anwesenden überstimmt." Die Monate in Rußland waren für Scholl, Schmorell und Graf sehr prägend. Sie scheinen selber in keine Kampfhandlungen verwickelt gewesen zu sein, doch sahen sie das Warschauer Ghetto und die überall sichtbaren Folgen des deutschen Raubkrieges. Wahrscheinlich gewann hier auch Hans Scholl, der zuvor eine "schärfste Kampfstellung gegen Rußland" befürwortet hatte, ein kritisches Verhältnis zur Wehrmacht. Darüber hinaus waren die Freunde tief berührt von der russischen Weite und Schönheit der Landschaft. Schmorell, der in Rußland seine Heimat wiedergefunden hatte, dolmetschte, so daß immer wieder freundschaftliche Kontakte zur russischen Bevölkerung zustande kamen. Zusätzlich beeinflußt durch intensive Dostojewski-Lektüre wurde ihnen das Land, das sie eigentlich als feindliche Besatzer hatten betreten müssen, zum Ort der Sehnsucht nach einer besseren Welt. Den Kommunismus hingegen betrachteten sie als ein vorübergehendes, von der Bevölkerung sowieso nicht akzeptiertes Phänomen. Im November 1942 kehrte die Studentenkompanie nach München zurück. Sophie Scholl hatte inzwischen über einen Ulmer Freund, einen Gymnasiasten, ein neues Vervielfältigungsgerät organisiert. Der Kreis führte sein ausgefülltes Studentenleben weiter: Neben dem Studium traf man sich zu Diskussions- und Leseabenden, engagierte sich im Chor, ging in Konzerte, pflegte ausgedehnte Lektüre und war in Freundschaften und Liebschaften verwickelt. Dazu kam die Widerstandstätigkeit, die nun verstärkt vorangetrieben und über ganz Deutschland ausgeweitet werden sollte. Traute Lafrenz stellte einen Kontakt zu einer Studentengruppe in Hamburg her. Alte Bekannte und Freunde der Scholls in Ulm und Stuttgart wurden um Hilfe gebeten. Lilo Ramdohr, eine Freundin Schmorells, vermittelte ein Treffen in Chemnitz mit Falk Harnack, der enge Verbindungen zum kommunistischen Widerstand und zur "Bekennenden Kirche" hatte. Auch in Freiburg, Saarbrücken und Berlin kamen Verbindungen zustande. Zum Jahresbeginn 1943 wurde schließlich auch Professor Kurt Huber eingeweiht. Zwischen ihm und Hans Scholl kam es zu gelegentlichen Diskussionen, bei denen deutliche Differenzen aufschienen, zum Beispiel über die Frage, ob man Nationalsozialisten in eine neue Regierung einbinden - wie Huber meinte -, oder ob man sie ganz ausschließen müsse. Auch zu der Wirkung und dem Sinn der Flugblattaktionen äußerte sich Huber skeptisch. Doch er war unbestritten ein wichtiger Ratgeber der Gruppe geworden. Mitte Januar brachten ihm Scholl, Schmorell und Graf Entwürfe für ein neues Flugblatt und baten ihn um seine Meinung. Den Entwurf Schmorells lehnte Huber "als kommunistisch klingend" ab - wovon dieser bestimmt weit entfernt war. Den Alternativentwurf Scholls redigierte er, ohne daß allerdings die Studenten alle seine Änderungsvorschläge akzeptierten. "(...) Hitler kann den Krieg nicht gewinnen, sondern nur noch verlängern! Seine und seiner Helfer Schuld hat jedes Maß unendlich überschritten. Die gerechte Strafe rückt näher und näher! Was aber tut das deutsche Volk? Es sieht nicht und es hört nicht. Blindlings folgt es seinen Verführern ins Verderben. (...) Deutsche! Wollt Ihr und Eure Kinder dasselbe Schicksal erleiden, das den Juden widerfahren ist? Wollt Ihr mit dem gleichen Maße gemessen werden wie Eure Verführer? Sollen wir auf ewig das von aller Welt gehaßte und ausgestoßene Volk sein? Nein! Darum trennt Euch vom nationalsozialistischen Untermenschentum! Beweist durch die Tat, daß Ihr anders denkt! Ein neuer Befreiungskrieg bricht an. Der bessere Teil des Volkes kämpft auf unserer Seite. Zerreißt den Mantel der Gleichgültigkeit, den Ihr um Euer Herz gelegt! Entscheidet Euch, eh' es zu spät ist! (...)" Im Keller des Eickemeyerschen Ateliers wurden nun nachts mehrere tausend Flugblätter hergestellt. Alexander Schmorell und Sophie Scholl fuhren mit der gefährlichen Fracht in süddeutsche und österreichische Städte, um sie dort in Briefkästen zu verteilen und damit den Eindruck zu erwecken, daß eine weitverzweigte Widerstandsorganisation zugange sei. Der Widerstand der "Weißen Rose" radikalisierte sich deutlich. Als die Niederlage von Stalingrad bekanntgegeben wurde, bemalten in mehreren nächtlichen Aktionen Scholl, Schmorell und Graf öffentliche Gebäude in der Ludwigstraße mit Parolen: "Nieder mit Hitler", "Hitler, der Massenmörder" und "Freiheit". Sophie Scholl wollte an diesen Aktionen unbedingt mitwirken, wurde aber nicht zugelassen. Die Gruppe hatte unter dem Eindruck von Stalingrad und der Krawalle, die die Rede des Gauleiters Giesler ausgelöst hatte, die unrealistische Hoffnung, die ganze Studentenschaft aufzurütteln und zum Widerstand zu bewegen. Diese wenigen Wochen im Januar und Februar 1943 müssen ungeheuer intensiv und anstrengend für die Beteiligten gewesen sein: Tagsüber und abends führten sie ihr gewohntes Leben, sie schrieben sogar zum Teil Staatsexamen. Die Flugblattproduktion fand in den Nächten statt, und danach saß man noch bei einer Flasche Wein bis in den Morgen zusammen. Nebenher hatten sie noch mit den Belastungen des Bombenkrieges fertigzuwerden. Mitte Februar schrieb Professor Huber das sechste Flugblatt der "Weißen Rose". Es richtete sich direkt an die Studentenschaft . Als Huber den Entwurf Scholl und Schmorell übergab, führte ein Absatz des Flugblattes, der die Studenten aufforderte, sich weiterhin "unserer herrlichen Wehrmacht" zu unterstellen, zum Streit. Ohne daß eine Einigung darüber erzielt worden wäre, nahmen Scholl und Schmorell das Flugblatt mit und strichen die Passage auf eigene Faust. Nachts zog die Gruppe insgesamt 3 000 Blätter ab. 1 000 Flugblätter wurden verschickt, den Rest wollte Hans Scholl in der Universität verteilen. Am 18. Februar 1943 gingen Hans und Sophie Scholl gegen 11 Uhr vormittags in den Lichthof, um dort kurz vor Ende der Vorlesungen ihre Pakete loszuwerden. Als Sophie Scholl die restlichen Blätter einfach von der Brüstung flattern ließ, entdeckte sie der Pedell. Ohne jede Gegenwehr ließen sich die Scholls vor den Augen der aus den Vorlesungssälen strömenden Studentenscharen festnehmen und abführen. Die Geschwister Scholl hatten vor dieser leichtsinnigen Aktion keinerlei Vorsichtsmaßnahmen getroffen, obwohl offenbar in dem Kreis über baldige Verhaftungen und über Fluchtmöglichkeiten gesprochen worden war. Die Gestapo fand sofort alles belastende Material in der Schollschen Wohnung und im Atelier Eickemeyers. Hans Scholl trug in seiner Hosentasche einen handschriftlichen Flugblattentwurf von Christoph Probst mit sich herum, der diesen aufs Äußerste gefährdete. Es gibt nur Spekulationen, wie es zu einem solchen Ende kommen konnte: Wollte die "Weiße Rose" in einem letzten, verzweifelten Aufbäumen märtyrerhaft ein Zeichen setzen? Wußte Hans Scholl, daß seine Verhaftung kurz bevorstand, da eine Stelle in Ulm undicht geworden war? Wollten Hans und Sophie Scholl nicht mehr weiter im Verborgenen arbeiten? Hofften sie auf das Kriegsende, das scheinbar so nahe war? Von nun an rollte die Ermittlungsmaschine. Alle Beteiligten und Mitwisser wurden nach und nach verhaftet. In einem ersten Prozeß schon drei Tage später wurden die Scholls und Christoph Probst von dem nach München angereisten Präsidenten des Volksgerichtshofs Freisler zu Tode verurteilt und noch am selben Tag hingerichtet. Am 19. April fand der zweite Prozeß statt: Alexander Schmorell, Willi Graf und Kurt Huber wurden ebenfalls zum Tode verurteilt, die übrigen Angeklagten bekamen Zuchthaus- oder Gefängnisstrafen. Weitere Mitwisser aus dem Umkreis der "Weißen Rose" wurden vor dem Sondergericht München angeklagt. Der erhoffte Aufstand der Münchner Studentenschaft blieb aus. Dennoch waren die Flugblätter der "Weißen Rose" nicht wirkungslos. Der führende Kopf der Widerstandsgruppe des "Kreisauer Kreises", Helmuth Graf von Moltke, leitete das letzte Flugblatt über Skandinavien nach England weiter. Es wurde dort, mit einer Einleitung versehen, vervielfältigt und von der Royal Air Force im Sommer 1943 über Deutschland abgeworfen. Der Leipelt-Kreis Auch wenn die Verhaftung und Verurteilung der "Weißen Rose" unter der Münchner Studentenschaft keinen Proteststurm auslöste, so führte sie doch zu einer Fortsetzungstat: Hans Leipelt, ein Chemiestudent an der Technischen Universität, trat zusammen mit seinen Freunden das unmittelbare Erbe der "Weißen Rose" an. Leipelt war in Hamburg in einem bildungsbürgerlichen Elternhaus aufgewachsen. Da seine Mutter Jüdin war, erlebte er schon in der Schule Diskriminierungen und Demütigungen, die bei ihm tiefe Wunden hinterließen. Vielleicht wollte er die Erniedrigungen kompensieren: Nach dem Abitur 1938 meldete er sich freiwillig zum Reichsarbeitsdienst und wurde für seinen Fleiß mit dem Westwallabzeichen belohnt. Anschließend meldete er sich - wieder freiwillig - zum Militär und machte als Mitglied eines Panzerregiments den Feldzug in Polen und Frankreich mit. Obwohl er noch im Juni 1940 das Eiserne Kreuz II. Klasse und das Panzerkampfabzeichen erhielt, wurde er im August als "jüdischer Mischling" zwangsweise aus der Wehrmacht entlassen. Dies empfand er als eine große Schande. Weiter erlebte er in seinem Familienkreis die Etappen der Verfolgung, der die Juden ausgesetzt waren: Fast alle seine Verwandten verloren ihre berufliche Stellung und ihren Besitz, mußten ihre Wohnungen verlassen und in sogenannte Judenhäuser ziehen. Diese Erfahrungen erzeugten bei Leipelt einen starken Haß auf das nationalsozialistische Regime. Im Herbst 1940 begann Leipelt ein Chemiestudium an der Universität Hamburg. Dort befreundete er sich mit Heinz Kucharski und anderen Studenten, die später über Traute Lafrenz Kontakt zur "Weißen Rose" in München bekommen sollten. Der Kreis traf sich, um offen über die politische Lage zu diskutieren, gemeinsam verbotene Schriften zu lesen und die "Feindsender" der Alliierten zu hören. Leipelt, der zwei Jahre jünger war als die anderen, wurde hier mit dem Kommunismus vertraut gemacht. Er las viel und baute sich eine kleine Bibliothek mit sozialistischen und pazifistischen Titeln auf, die ihm Kucharski vermittelte. Es festigte sich in ihm die Überzeugung, daß Deutschland schuld am Krieg sei, der Nationalsozialismus beseitigt werden müsse, und daß er und seine Freunde verpflichtet seien, dabei mitzuwirken. Im Winter 1941 wechselte Leipelt an die Technische Universität München. Er hatte gehört, daß am Chemischen Institut von Professor Heinrich Wieland eine besonders freie Atmosphäre herrschte, die den Nationalsozialisten nicht günstig war. Professor Wieland ermöglichte einer ganzen Reihe von "Halbjuden", bei ihm zu studieren, obwohl sie eigentlich gar nicht mehr an der Universität sein durften. Er konnte sich dies unter anderem auch deswegen leisten, weil er seine chemischen Forschungen als kriegswichtig deklarierte und dafür viele Zugeständnisse von den Nationalsozialisten einforderte. Hans Leipelt fand im Laboratorium schnell Anschluß an Kommilitonen, die zum Teil als "Halbjuden" in derselben Situation waren wie er und das Regime offen ablehnten. In diesem Kreis übernahm Leipelt bald eine Initiativ- und Führungsrolle. Er teilte den anderen seine kommunistischen Ideen mit, wegen derer er scherzhaft "Kommissar" genannt wurde, und las mit ihnen oppositionelle Literatur oder selbstverfaßte Texte. Die drei Jahre ältere Chemiestudentin Marie-Luise Jahn wurde seine Freundin und engste Vertraute. Als Leipelts Hamburger Freunde nach München zu Besuch kamen, lud er die beiden Kreise zusammen ein und trug ihnen einen selbstverfaßten satirischen "Fragebogen im Vierten Reich" vor. Im Laufe des Jahres 1942 zerbrach Leipelts Familie: Die Großmutter und andere Verwandte wurden deportiert. Der Vater starb. Damit verlor die Mutter den schützenden Status als "privilegierte Jüdin", und ihre Deportation war nur noch eine Frage der Zeit. Das verstärkte Leipelts Widerstandswillen. Der Kampf gegen das Regime wurde für ihn eine Sache auf Leben und Tod. Bei seinen Freunden im Chemischen Institut war er immer die treibende Kraft, wenn es darum ging, das Unrecht beim Namen zu nennen, Abhörgemeinschaften zu organisieren, nach aktiven Handlungsmöglichkeiten zu suchen. Erst durch ihn verwandelte sich die Opposition der Studenten am Wieland-Institut in Widerstand. Der Kreis wurde im Winter 1942/43 von derselben revolutionären Stimmung erfaßt wie die "Weiße Rose" und die Freunde Cosmanns und Geigers. Menschen, die sich bisher fremd waren, lernten sich plötzlich kennen. So stießen im Januar 1943 der schon etwas ältere Schriftsteller Hans Schulz und seine Frau Hedwig Schulz dazu, die neben Marie-Luise Jahn zu den aktivsten Mitstreitern Leipelts wurden. Die Giesler-Rede und den Studentenkrawall am 13. Januar erlebte Leipelt zwar selbst nicht mit, ließ sich aber von seinen Freunden detailliert davon erzählen und verfaßte daraufhin einen Bericht, den er wiederum anderen Freunden vorlas. Häufig hörten sie gemeinsam die Auslandssender ab. Hedwig Schulz stenographierte die Nachrichten mit, um sie weitergeben zu können. Im Februar 1943 fand Leipelt bei Schulz die von den Engländern über München abgeworfene Broschüre "Die andere Seite". Er lieh sie sich aus, schrieb darin enthaltene Texte von Brecht, Thomas Mann und anderen ab und gab die Abschriften den Freunden. Die Nachricht von der Verhaftung und Hinrichtung der "Weißen Rose" traf Leipelt schwer. Er oder Marie-Luise Jahn hatten am Tag der Verhaftung der Geschwister Scholl per Post das sechste Flugblatt der "Weißen Rose" erhalten. Bis dahin hatten sie von deren Aktivitäten nichts gewußt, obwohl Leipelt in Hamburg über Kucharski Traute Lafrenz begegnet war und obwohl der Hamburger Kreis im Sommer 1942 Flugblätter von dieser erhalten hatte. Leipelt und Jahn waren tief beeindruckt. Sie fühlten sich durch den Tod der Scholls und ihrer Freunde verpflichtet, deren Arbeit weiterzuführen. Auf einer Schreibmaschine schrieben sie das Flugblatt mehrmals ab und versahen es mit der Überschrift: "Und ihr Geist lebt trotzdem weiter". Die Abschriften zeigten sie ihren Bekannten, lasen sie vor und gaben sie weiter. In den Osterferien nahm Leipelt Marie-Luise Jahn nach Hamburg mit. Zusammen mit Kucharski wollten sie die "Münchner Vorgänge" um die "Weiße Rose" zu einem weiteren Flugblatt verarbeiten und an den englischen Rundfunk vermitteln. Leipelt drängte darauf, zur Tat zu schreiten. Er war tief verstört davon, daß das deutsche Volk nicht fähig oder willens war, sich selbst von der nationalsozialistischen Diktatur zu befreien. Attentat und Sabotage schienen Leipelt das einzige Mittel, um das Volk zur Vernunft zu bringen. Pfingsten fuhr er wieder nach Hamburg und dachte sich mit Kucharski weitere Pläne aus. So wollten sie Starrkrampfbazillen in die Hamburger Wasserleitung geben und die große Lombardbrücke sprengen. Doch mit dem Münchner Kreis waren solche radikalen Aktionen nicht zu machen. Keiner der Angehörigen des Instituts erklärte sich dazu bereit, das für eine Sprengung nötige Nitroglyzerin herzustellen. Dem Münchner Kreis ging es mehr um internen Austausch und Informationsvermittlung als um spektakuläre Außenwirkung. Im Sommer 1943 initiierte der Chemie-Laborant Wolfgang Erlenbach unter den Studenten eine regelmäßige Geldsammlung, um die in Not geratene Familie des hingerichteten Professor Hubers zu unterstützen. Leipelt, der sich der "Weißen Rose" besonders verpflichtet fühlte, übernahm mit Erlenbach die Organisation der Spenden, die der Familie Huber anonym in den Briefkasten gesteckt wurden. Im September sammelte Leipelt auch in Hamburg. Am 8. Oktober 1943 wurde Hans Leipelt von der Gestapo in München verhaftet. Es ist unklar, ob er aus den Reihen des Instituts denunziert wurde oder sich durch eigene Unvorsichtigkeiten verraten hatte. In seiner Wohnung fand die Gestapo genügend Material, um eine großangelegte Verhaftungswelle zu starten. Über 40 Menschen wurden im Lauf der nächsten Monate inhaftiert, darunter etliche Institutsangehörige. Leipelts Mutter und Schwester wurden in Sippenhaft genommen, die Mutter nahm sich im Gefängnis das Leben. Am 13. Oktober 1944 fand der Prozeß vor dem Volksgerichtshof statt. Leipelt wurde zum Tode verurteilt. Da er alle Verantwortung auf sich nahm und es gelang, Marie-Luise Jahn als Verführte darzustellen, kam sie mit zwölf Jahren Zuchthaus davon. Die restlichen sechs Angeklagten wurden bis auf eine zu Gefängnisstrafen verurteilt. Ende Oktober verfaßte Leipelt ein Gnadengesuch, das auf die jugendliche Unbedachtheit und Harmlosigkeit seines Tuns hinwies. Er bat um Verständnis für die besondere seelische Situation, in die ihn die Judenverfolgung gebracht hatte, und führte Punkt für Punkt alle Diskriminierungen und Rechtsverletzungen auf, mit denen seine Familie ins Unglück gestürzt worden war: "Daher beruht meine Hoffnung darauf, (...) man werde berücksichtigen, wie groß der psychische Druck der Verhältnisse gewesen ist, der mich zu meiner Einstellung geführt hat. Ich bitte zu bedenken, daß die gegen meine Familie mütterlicherseits, wie in geringerem Grade auch gegen meine Schwester und mich gerichteten Maßnahmen mir notwendigerweise als Unrecht erscheinen mußten." Daß eine solche Argumentation die nationalsozialistischen Richter nicht beeindruckte, versteht sich von selbst. Leipelt wurde am 29. Januar 1945 in Stadelheim durchs Fallbeil hingerichtet. Die kommunistische und sozialistische Jugend Parallel zur illegalen KPD unternahm auch der Kommunistische Jugendverband Deutschlands (KJVD) in München nach 1933 große Anstrengungen, seine Organisation aufrecht zu erhalten. Die Quellenüberlieferung darüber ist allerdings dürftig und zum Teil widersprüchlich, so daß sich kaum sagen läßt, wie groß die Gruppen wirklich waren und wer mit wem zusammenarbeitete. Jedenfalls scheint bei den Jugendlichen auch vor 1933 die feindliche Trennung zwischen Kommunisten und Sozialdemokraten nicht in der Weise bestanden zu haben wie bei den Erwachsenen, wie überhaupt die parteiliche Bindung eine weniger große Rolle spielte. Die linke Arbeiterjugend traf sich bis zur nationalsozialistischen "Machtergreifung" im Gewerkschaftshaus in der Pestalozzistraße oder bei schönem Wetter in den Isarauen, wo man gemeinsam Faustball spielte. Die Angehörigen der ''Sozialistischen Arbeiterjugend'' (SAJ), die - noch unter dem Einfluß der Wandervogelbewegung - romantische Lagerfeuer veranstalteten oder Reigen tanzten, wurden oft von den KJVDlern ausgelacht und im kommunistischen Sinne politisiert. Viele sozialdemokratische Jugendliche, die von der Passivität und dem Reformismus ihrer Partei enttäuscht waren, wechselten zu den aktiveren und kämpferischen Kommunisten über. Auf der anderen Seite konnten manche Jungkommunisten mit dem Dogmatismus ihrer Partei wenig anfangen. Gemeinsam drängte man auf Aktion und auf Widerstand. Unmittelbar nach der "Machtergreifung" beschlossen die Brüder Ernst Lörcher und Albert Lörcher, mit Flugblättern gegen das neue Regime anzuschreiben. Beide kamen aus einem sozialdemokratisch geprägten Milieu, sie stammten aus einer kleinbürgerlichen Handwerkersfamilie im Lehel. Ernst, gelernter Mützenmacher, hatte 1932 auf dem zweiten Bildungsweg in Berlin das Abitur gemacht und mit einem Stipendium an der Frankfurter Universität ein Studium begonnen. Zur selben Zeit trat er aus der SPD aus und der KPD bei. Da das Institut, an dem er studierte, als sozialistisch bekannt war und kurz nach der "Machtergreifung" geschlossen wurde, radelte er gemeinsam mit seiner Verlobten, einer jüdischen Fabrikantentochter, wieder zurück nach München. In der elterlichen Wohnung produzierten sie und Albert mit einem Stempel die ersten Handzettel. Zusammen mit einigen anderen Jungkommunisten bildeten sie eine Gruppe, um in größerem Maßstab Flugblätter herzustellen und den KJVD wieder aufzubauen. Regelmäßig traf man sich im Lesesaal des Arbeitsamtes in der Thalkirchnerstraße und las und diskutierte die ausländischen Zeitungen, die dort auch noch nach der "Machtergreifung" einige Zeit auslagen. Die aus ihnen gewonnenen Informationen verarbeitete Ernst Lörcher zu Texten. In einem kleinen Zelt am Isarufer fertigten die Brüder die Matrizen für eine Reihe von Flugblättern und insgesamt drei Ausgaben der "Jungen Garde" - dem ehemaligen Zentralorgan der KJVD - an und vervielfältigten sie mit Hilfe eines Handabziehapparates. Zur illegalen Parteileitung bestand nur eine lose Verbindung. Albert brachte das fertige Material zu Verbindungsleuten, die es dann in Schwabing, Haidhausen, Sendling, Neuhausen und im Westend weiterverteilten. So konnte man immerhin 40 bis 50 Mitglieder mit Literatur versorgen und an die Organisation binden. Von Verhaftung bedroht, mußten Ernst und Albert untertauchen; sie verbrachten die Nächte im Englischen Garten, in dem stillgelegten Ofen einer Ziegelei oder bei Freunden. Im August 1933 wurde Albert Lörcher verhaftet. Ernst arbeitete entschlossen weiter. Seine engsten Mitstreiter waren der erst 16jährige Andreas Zinner sowie Heinrich Döppel, Alfons Hubauer, August Feuerer und der Hamburger Student Franz Ahrens. Über Zinner besaß der Kreis eine Verbindung zu einer Augsburger Gruppe von Jungkommunisten. Man besuchte sich gegenseitig oder traf sich auf halber Strecke in Mammendorf. Offenbar suchten die Augsburger bei den erfahreneren Münchnern Rat und Unterstützung: Ernst Lörcher lieferte ihnen 30 Klebezettel und versprach die nächste Ausgabe der "Neuen Garde"; Hubauer stellte ihnen eine Schreibmaschine zur Verfügung, die er noch vor der "Machtergreifung" beim Aumeister im Englischen Garten vergraben hatte, und Döppel "riet, Beiträge einzuziehen, sich politisch zu schulen, Mitglieder zu werben." Auch zu anderen deutschen Städten und im Ausland scheint die Gruppe Kontakte gehabt zu haben. Als im Herbst 1933 der Apparat der illegalen Parteileitung in München durch den andauernden Verfolgungsdruck immer mehr Funktionsfähigkeit einbüßte, übertrug er manche seiner Aufgaben an die Jugendlichen: So produzierten sie für die Parteileitung im Herbst 1933 die Nr. 8 der "Neuen Zeitung" und im Januar 1934 das Flugblatt "Ein Jahr Hitler-Regierung", das sich an die katholische Bevölkerung richtete und in zwei Kirchen ausgelegt wurde. Im Spätsommer und Herbst 1933 fanden einige Verhaftungen statt, ohne daß die Polizei den ganzen Gruppenzusammenhang aufgedeckt hätte. Ernst Lörcher mußte jedoch ins Ausland fliehen. Im Februar 1934 gelang der Polizei schließlich der große Schlag: Offenbar durch einen Spitzel informiert, verhaftete sie 25 Jugendliche. Unter diesen waren allerdings auch eine Reihe von Buben, die mit dem Widerstand überhaupt nichts zu tun hatten und nur deshalb verdächtigt wurden, weil sie nach der Schule immer "Räuber und Schandi" (Räuber und Gendarm) gespielt hatten. Auch sie hielt man monatelang in Untersuchungshaft fest. Der Einzige, der entkommen konnte, war Andreas Zinner. In München nun vollkommen allein, versuchte er, den Kontakt zu den Augsburgern wieder herzustellen, um mit ihnen neue Formen der illegalen Arbeit auszuloten, vor allem aber, um Fluchtmöglichkeiten zu diskutieren. Als im Sommer 1934 auch die Augsburger verhaftet wurden, floh Zinner aus München. Erst 1935 gelang es der Polizei, den inzwischen 17- oder 18jährigen in Mannheim zu verhaften. Er wurde im Oktober 1935 zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Von den anderen Jugendlichen, die einige Jahre später wieder aus den Gefängnissen und KZs frei kamen, wurde keiner mehr im Widerstand aktiv. Man vermied auch untereinander den Kontakt. Nur Albert Lörcher, der mit dem Sozialdemokraten Gottlieb Branz befreundet war, fuhr mit diesem ein oder zweimal in die Tschechoslowakei und traf dort Waldemar von Knoeringen, den von allen Sozialisten verehrten Grenzsekretär der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands in der Emigration (SOPADE) für Südbayern. Im Krieg wurde Albert Lörcher mit der Bewährungsdivision 999 - die zu circa 20 Prozent aus ehemaligen politischen Häftlingen bestand - nach Afrika geschickt, wo er 1943 in Kriegsgefangenschaft geriet. Sein Bruder Ernst Lörcher arbeitete nach seiner Flucht aus München als Instrukteur der KPD unter schwierigsten Bedingungen im Rheinland und im Ruhrgebiet. Im Februar 1936 wurde er in Duisburg festgenommen. Zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt, entging er in den verschiedenen Gefängnissen und im KZ mehrmals nur knapp dem Tode. Nach dem Krieg fand sich die Familie Lörcher in München wieder. Ernst heiratete seine jüdische Verlobte, die 1933 mit ihrer Familie nach Amerika emigriert war und 1945 als Angestellte der Besatzungsmacht nach München zurückkam.
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