|
Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler
München galt mit seinen Universitäten, Theatern, seiner Oper und den vielen hier ansässigen freien Künstlern und Gelehrten weithin als Stadt der Kunst und Wissenschaft. Diesen Ruhm hatte es vor allem der Kunst- und Wissenschaftsszenerie der 20er Jahre zu verdanken, in der sich fortschrittliche und bürgerlich-traditionelle Strömungen vermischten. Bereits bis Anfang der 30er Jahre hatte sich gerade die avantgardistische Kunstszene aufgrund des zunehmend reaktionärer werdenden Klimas nach Berlin, in die Provinz oder ins Ausland verflüchtigt. Mit der nationalsozialistischen "Machtergreifung" 1933 setzte erneut ein ''brain drain'' der jüdischen und politisch links stehenden Künstler und Gelehrten ein. Aus ihren Ämtern entlassen und ohne Beschäftigungsmöglichkeiten emigrierten viele von ihnen ins Ausland. Auch der Nationalsozialismus propagierte München als ''Hauptstadt der deutschen Kunst'' und verhielt sich nicht per se kunst- und wissenschaftsfeindlich. Im Gegenteil bot er denjenigen Künstlern und Gelehrten, die sich von ihm politisch instrumentalisieren ließen, zahlreiche Fördermöglichkeiten. Die ästhetischen und wissenschaftlichen Kriterien der nationalsozialistischen Kulturpolitik waren dabei alles andere als klar. Einerseits vertrat sie eine Ideologie der ''deutschen'' Kunst und Wissenschaft gegen eine ''jüdisch-entartete'' oder ''bolschewistische'', andererseits konnte sie diese Begriffe nicht mit Inhalten füllen. Immer wieder kam es darüber zu systeminternen Konflikten. In der Kunst wurde die Unsicherheit über ästhetische Kriterien zunächst durch die Unterscheidung jüdisch-nichtjüdisch ersetzt, um das Ideal der ''nordischen Rasse'' und des ''Deutschtums'' öffentlichkeitswirksam zu propagieren. Bei den von den NS-Studentenschaften organisierten Bücherverbrennungen am 10. Mai 1933, die man als ''Aktionen wider den undeutschen Geist'' bezeichnete, fielen neben der aus politischen Gründen geächteten linksgerichteten, sozialistischen Literatur vor allem die Werke von jüdischen Schriftstellern den Flammen zum Opfer. Im Herbst 1933 wurde als Organ des Propagandaministeriums die ''Reichskulturkammer'' geschaffen. Aufgeteilt in verschiedene Kammern für Schrifttum, Presse, Rundfunk, Film, Musik, Bildende Kunst und Theater sollte diese Zwangsvereinigung aller Kulturschaffenden es ermöglichen, die Kulturproduktion zu kontrollieren und durch Ausschließung faktische Berufsverbote auszusprechen. Wer ihr beitrat, mußte den ''Ariernachweis'' erbringen. Ansonsten war die kulturpolitische Wirkung der Reichskulturkammer jedoch eher gering. Inwieweit man die Kunst nicht nur politisch, sondern auch ästhetisch normieren sollte, darüber gab es innerhalb des NS-Regimes in den Anfangsjahren sehr verschiedene Auffassungen. Der ''Kampfbund für deutsche Kultur'' unter Alfred Rosenberg setzte sich fanatisch für ein ganz traditionalistisches Verständnis von Kunst ein: Kult, Mythos, Ritual und eine heroische Lebensauffassung sollten die Kunst beherrschen; die Avantgarde wurde wegen ihres ''Nihilismus'', ihres ''artistischen Snobismus'' und ihres ''kulturbolschewistischen Untermenschentums'' heftigst abgelehnt. Dieses Kunstverständnis konnte sich auf die weitverbreiteten antimodernen Ressentiments in der Bevölkerung stützen. Rosenbergs Gegenspieler, unter anderem auch der Propagandaminister Joseph Goebbels, verteidigten die künstlerische Avantgarde, soweit sie nur ''deutsch'' und ''volksnah'' sei. Deutsche Expressionisten wie Barlach, Kirchner, Mueller, Rohlfs, Schmidt-Rottluff und Nolde, die von Rosenberg als ''entartet'' verfemt wurden, galten diesen als höchster Ausdruck angeblich deutschen Kunstwillens. Auch in der Musik stritt man sich über den Wert oder Unwert von avantgardistischen Komponisten wie Paul Hindemith. Erst Mitte der 30er Jahre trug die traditionalistische Strömung innerhalb des NS-Regimes den Sieg davon, und auch Goebbels schwenkte auf die neoklassizistischen, protzig-repräsentativen Formen ein, die heute als charakteristisch für nationalsozialistische Kunst gelten. 1936 wurde jede Kunstkritik in den Zeitungen verboten; nur noch ''Kunstbetrachtung'' war erlaubt. Tausende von ''entarteten'' Kunstwerken verschwanden aus Museen und Sammlungen. Über drei Millionen Besucher besichtigten 1937 in München die Ausstellung ''Entartete Kunst'', die prominente Werke der Avantgarde in diffamierender Weise aufgehängt und mit gehässigen Texten versehen der Öffentlichkeit präsentierte, bevor sie vernichtet oder verramscht wurden. Die jährlich stattfindende ''Große Deutsche Kunstausstellung'' im ''Haus der Deutschen Kunst'' zeigte seit 1937 die nationalsozialistische Kunst, wie sie von Hitler persönlich favorisiert und ausgewählt wurde. Im Wissenschaftsbereich gestaltete sich die nationalsozialistische Gleichschaltung noch diffuser als im Kunstbereich. Einerseits ließen sich die Gesellschafts- und Humanwissenschaften 1933 wegen ihrer unvermeidbaren politischen Bezüge leichter kontrollieren und im nationalsozialistischen Sinne säubern. Das ''Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums'' vom 7. April 1933 gab die rechtliche Handhabe, um rassisch oder politisch mißliebige Hochschullehrer von den Universitäten zu entfernen. Wer vor 1933 in seinen Publikationen und Lehrveranstaltungen liberale Ansichten geäußert hatte, mußte nach der ''Machtergreifung'' früher oder später die Universitäten verlassen oder wurde zumindest in seiner Arbeit ständig schikaniert. In den Naturwissenschaften war die Situation komplizierter. Nationalsozialistische Naturwissenschaftler propagierten hier eine ''deutsche Physik'', die Einsteins Relativitätstheorie und alle damit verbundenen Forschungsergebnisse als ''jüdisch'' und ''dogmatisch'' ablehnte. Die ''Einsteinianer'' an den Universitäten wurden jedoch - solange sie nicht jüdisch waren - nicht ihrer Positionen enthoben und konnten trotz ihres angeblich ''verjudeten Denkens'' die moderne Wissenschaft weiterentwickeln. Selbst wenn sie und ihre Studenten sich über das Unvermögen und die Dummheit der Anhänger der ''deutschen Physik'' lustig machten, ließ sie das Regime gewähren - in dem Wissen, daß ihre Forschungsergebnisse in einem kommenden Krieg gebraucht werden würden. Das Resistenzpotential von Kunst und Wissenschaft bestand vor allem darin, daß eine Reihe von Künstlern und Wissenschaftlern die Freiheit von Forschung, Lehre und künstlerischer Produktion gegen den Totalitätsanspruch des Nationalsozialismus zum Teil sehr erfolgreich verteidigte. So entstanden an den Universitäten und in privaten Netzwerken Nischen, auf die der Nationalsozialismus keinen Zugriff hatte und in denen man relativ ungezwungen Meinungen austauschen konnte. Ohne die Existenz solcher Nischen hätte sich zum Beispiel der Widerstand der "Weißen Rose" nicht entwickeln können. Universitäre Institute Da in München schon vor 1933 der Anteil an jüdischen Professoren gering war, fanden im Vergleich zu anderen Universitäten relativ wenige Entlassungen statt; folglich konnten nur relativ wenige Nationalsozialisten neu berufen werden. Auch wenn die Universitäten nach außen hin gleichgeschaltet waren, verhielten sich viele Dozenten im täglichen Forschungs- und Lehrbetrieb ganz ''unpolitisch'' und setzten sich zum Teil sogar erfolgreich gegen Instrumentalisierungsversuche des Regimes zur Wehr. Dafür war die Studentenschaft bereits 1930 vom NS-Studentenbund dominiert. Vor und nach der ''Machtergreifung'' gingen die nationalsozialistischen Studenten öfters in rabiater Weise gegen Professoren vor: Gegen den Staatsrechtler Hans Nawiasky, einen Demokraten und profilierten Gegner des Nationalsozialismus, wurden regelrechte Krawalle inszeniert, bevor er wegen "politischer Unzuverlässigkeit'' aus dem Staatsdienst entlassen wurde. Nawiasky emigrierte in die Schweiz und nahm eine Professur in St. Gallen an, von wo aus er mit publizistischen Mitteln den Kampf gegen den Nationalsozialismus fortsetzte. Der Rechtshistoriker Heinrich Mitteis, der 1934 von Heidelberg nach München kam, mußte nach wenigen Monaten seinen Lehrstuhl wieder aufgeben, weil seine Vorlesungen immer wieder von nationalsozialistischen Studenten gesprengt wurden. Eine Reihe von naturwissenschaftlichen Instituten an beiden Münchner Hochschulen stellten in besonderer Weise Refugien dar, wo ohne nennenswerte nationalsozialistische Einflußnahme geforscht und gelehrt werden konnte. Hier waren die nationalsozialistischen Dozenten und Studenten, die eine ''völkische'' Ausrichtung der Wissenschaften, eine ''deutsche Physik'' oder ''deutsche Chemie'' forderten, eindeutig in der Minderzahl. Da das Regime vor allem an den Ergebnissen der naturwissenschaftlichen Forschung interessiert war, die Deutschland ''autark'', also von Importen aus dem Ausland unabhängig machen sollten, ließ es die Wissenschaftler von ideologischen Forderungen weitgehend unbehelligt. Erst mit Kriegsausbruch kam es zu latenten Konflikten: Die Forschung sollte nun umgestellt werden auf kriegswichtige Bereiche, und die Wissenschaftler, die weiter ungestört ihre Grundlagenforschung betreiben wollten, versuchten, diese als kriegsentscheidend zu verkaufen, auch wenn sie es gar nicht war. Als besonders resistent gegenüber den nationalsozialistischen Ansprüchen gilt heute das Chemische Institut der Ludwig-Maximilian-Universität unter dem Nobelpreisträger Professor Heinrich Wieland. Zeitzeugenberichten zufolge grüßte Wieland niemals mit dem Hitlergruß und ließ in seinen Vorlesungen häufig kritische Anspielungen gegen das Regime und das ''Dritte Reich'' fallen. Auch pochte er öffentlich darauf, daß Wissenschaftler nicht nach politischen Gesichtspunkten gefördert oder berufen werden dürften, sondern rein nach ihrer fachlichen Qualifikation, und setzte sich für aus rassischen Gründen entlassene Kollegen ein. Bei Kriegsbeginn gelang es Wieland, seine Forschungen im Bereich der Schmetterlingsflügelfarbstoffe und der Hormone als kriegswichtig zu erklären. Damit konnte er zum einen viele seiner Studenten und Mitarbeiter ''uk'' (unabkömmlich) stellen lassen und vom Kriegsdienst befreien. Zum anderen erhielt er so leichter Sondergenehmigungen, um ''rassisch belastete'' Studenten bei sich studieren zu lassen, denen seit 1940 eigentlich ein Studium verwehrt war. Bis zu einem Viertel der Studenten und Mitarbeiter Wielands soll "halbjüdisch" gewesen sein. Manche, für die sich keine Sondergenehmigung erlangen ließ, beschäftigte Wieland auf eigene Verantwortung inoffiziell. Dabei stellte er sich immer wieder schützend vor diese Studenten und nahm erhebliche Risiken in Kauf, um ihnen in bedrängten Situationen zu helfen. Ohne daß Wieland selbst an politischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus gedacht hätte, wurde sein Institut in den 40er Jahren zum Schauplatz von Widerstandsaktivitäten. In der freiheitlichen Atmosphäre gediehen politische Diskussionen; die Studenten und Mitarbeiter tauschten untereinander verbotene Literatur und die Nachrichten der Auslandssender aus und bestärkten sich in ihrer antinationalsozialistischen Haltung. Einige der Studenten zerstörten gezielt Zeitungskästen des ''Stürmer'' in Schwabing und Bogenhausen. Zentrum all dieser Aktivitäten war Hans Leipelt, ein "halbjüdischer" Student, der 1941 aus Hamburg nach München gekommen war, weil er von den günstigen Bedingungen am Wieland-Institut gehört hatte. Zusammen mit seiner Freundin Marie-Luise Jahn beschloß er, die Widerstandsarbeit der verhafteten und hingerichteten Mitglieder der ''Weißen Rose'' fortzuführen. Im Oktober 1943 wurden Leipelt, Jahn und ein weiteres halbes Dutzend von Institutsangehörgen verhaftet. In den nun folgenden Ermittlungen setzte sich Wieland - der von den Widerstandsaktivitäten wohl nichts gewußte hatte - sehr für die Inhaftierten ein. Er trat sogar bei dem Prozeß vor dem Volksgerichtshof als Entlastungszeuge auf und unterstützte die Angeklagten moralisch dadurch, daß er mit jedem von ihnen vor Prozeßbeginn einige Worte wechselte. Während Hans Leipelt zum Tode verurteilt wurde, blieben die Urteile der anderen zum Teil weit unterhalb der Anträge des Staatsanwalts. Ein anderes naturwissenschaftliches Institut, an dem sich wohl - allerdings bisher noch nicht erforscht - ein Widerstandskreis bilden konnte, war das Chemische Institut an der Technischen Hochschule unter Hans Fischer . Auch hier scheint die Atmosphäre sehr freiheitlich und offen gewesen zu sein, auch hier konnten "Halbjuden" wie Oskar Neumann , der eigentlich Jurist werden wollte, studieren und ein Diplom erlangen. Da einer der Forschungsschwerpunkte Fischers in organischer Farbchemie lag, konstruierten die Mitarbeiter aus den schwarzen Absorptionsbanden des Blattfarbstoffs Chlorophyll ein völlig unverwendbares Nachrichtensystem für die Marine, um diese Forschungen als kriegswichtig anerkennen zu lassen. Den Berichten Neumanns zufolge kam es 1939 wegen geplanter Ernteeinsätze der Studenten zu zum Teil recht raffinierten Protestaktionen: "Und so entwickelte sich dann der Widerstand dagegen, also auf einer politisch keineswegs sehr hohen Stufe (...), aber immerhin haben damals die Fakultäten zum ersten Mal den Ehrgeiz entwickelt, offizielle Nazi -Veranstaltungen zu sprengen. Ja, und wir haben das als einigermaßen ambitionierte Chemiker natürlich mit sehr perfekten chemischen Mitteln gemacht. Also von Geheimhaltung konnte man wirklich nicht reden, das ganze Labor hatte acht Tage derartig impertinent gestunken, denn wir haben nichts anderes fabriziert als einerseits Tränengas und andererseits Methylmerkaptan, also Stinkbomben, und die wurden dann in Fleißarbeit in Glasampullen eingeschmolzen, und da die Nazis einen wunderschönen roten Teppich ausgelegt hatten für den Einmarsch ihrer Bonzen, bot sich das also geradezu zwanghaft an, die Glasampullen unter den roten Teppich zu legen. Alle Leute, die Bescheid wußten, haben sich also weiter oben in dem steil ansteigenden Chemiehörsaal hingesetzt, und die Nazis sind unten reinmarschiert, und es machte immer 'klirre, klirre', und nach wenigen Minuten war das natürlich ein Sumpf von Reizgas und Gestank da unten, und die Sache war beendet.'' Neumanns Bericht zufolge knüpften er und einige Kommilitonen in den 40er Jahren über einen Mechaniker am Institut auch Kontakt zu einem kommunistischen Widerstandskreis und versuchten sich in Methoden der Wehrmachtssabotage: So entwickelten sie Medikamente, die bestimmte Krankheitsbilder hervorriefen, um Soldaten von der Wehrpflicht zu befreien, oder machten ungültig gestempelte Lebensmittelkarten wieder gültig, indem sie die Stempelfarbe mit Lösungsmitteln entfernten. 1944 wurde Neumann als "Halbjude" und ''Politischer'' im KZ Buchenwald interniert, wo er in einem der berüchtigten Außenkommandos arbeitete. Fischer beging im März 1945 Selbstmord. Neumann überlebte und kehrte im Frühsommer 1945 wieder nach München zurück. Nach dem Krieg arbeitete er einige Jahre erneut am Chemischen Institut und engagierte sich seit 1949 hauptberuflich für die KPD, später für die DKP. Wissenschaftler und Gelehrte im Umkreis der ''Weißen Rose'' Gerade im philosophischen und geisteswissenschaftlichen Bereich, der an den Universitäten im Nationalsozialismus völlig verkümmerte, wurde ein privat und informell organisierter Austausch von Gedanken und Ideen immer wichtiger. Das Geistesleben, das außerhalb der gleichgeschalteten Institutionen in München noch existierte, war vor allem geprägt durch eine katholisch-moraltheologische Richtung: Sie gab sich apolitisch und lehnte die ''moderne glaubenslose Welt'' der westlichen Parteiendemokratien und des Sozialismus ebenso ab wie den ''gottlosen'' völkischen Nationalismus und den Führerglauben des NS-Regimes. Die Repräsentanten dieser Richtung nahmen später großen Einfluß auf das Denken im Widerstandskreis der ''Weißen Rose''. Einer ihrer wichtigsten Vertreter war der Schriftsteller und Publizist Theodor Haecker. Haecker, der 1921 zum Katholizismus konvertiert war, schrieb schon seit 1923 gegen die Verabsolutierung des Staates durch die europäischen Faschismen an. Den Nationalsozialismus hielt er für eine Ausgeburt protestantischen Preußentums. Nach der nationalsozialistischen ''Machtergreifung'' wurde Haecker für einen Tag inhaftiert und seine Wohnung durchsucht, wegen eines Artikels gegen das Hakenkreuz, den er noch 1932 in der Innsbrucker Zeitschrift ''Der Brenner'' veröffentlicht hatte. Seitdem versuchte er, sich möglichst unauffällig zu verhalten, um wenigstens die Spielräume, die er noch besaß, nicht zu gefährden. 1934 wurde er in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen. In den folgenden Jahren konnte er eine Reihe von Büchern veröffentlichen, die sich mit rein theologischen und moralphilosphischen Themen beschäftigten. Allerdings wurde Haecker immer wieder mit Redeverboten belegt und durfte seit 1936 in Bayern überhaupt keine Vorträge mehr halten. Wie dramatisch er die Situation für sich einschätzte, belegt ein Brief an einen Freund vom 5. Februar 1936: "(...) in meinem eigenen Vaterlande darf ich kein Wort mehr öffentlich reden, und da meine Bücher Erfolg haben und an Einfluß gewinnen, bin ich zum 'Staatsfeind' ernannt... Jedenfalls werde ich die Wahrheit nicht mehr schreiben können.'' 1938 erhielt Haecker teilweise auch Schreibverbote. Er lebte nun vor allem von Übersetzungen, verfaßte aber weiterhin Essays, die als Typoskripte im Freundeskreis kursierten. Seit Kriegsbeginn schrieb er in Tagebuchform die ''Tag- und Nachtbücher'' mit zahlreichen religiös gefärbten Notaten über ''das Wesen der modernen Diktatur''. Nationalsozialismus und Krieg deutete er nun als Symptom des Abfalls vom Christentum. Anfang 1942 kam der erste Kontakt zu den Mitgliedern der ''Weißen Rose'' zustande. Vor allem Willi Graf hatte sich schon in den 30er Jahren intensiv mit den Schriften Haeckers beschäftigt. Mehrmals las Haecker auf den literarischen Abenden der ''Weißen Rose'' aus seinem Werk vor. Nach Verhaftung der Geschwister Scholl wurde er von der Gestapo verhört, er war aber wohl tatsächlich nicht in deren Widerstandstätigkeit eingeweiht gewesen. Auch zum Rösch-Kreis bestand eine lose Verbindung: Haecker kannte Alfred Delp, da er nicht weit von dessen Pfarrei in der Bogenhausener Möhlstraße wohnte. Selber war er jedoch nicht mehr von Verfolgungsmaßnahmen des Regimes betroffen. 1944 gelang es ihm sogar, bei einem kleinen elsässischen Verlag zwei Bücher zu veröffentlichen, die allerdings nur über Direktbestellung zu erhalten waren. Haecker starb kurz vor Kriegsende am 9. April 1945. Mit Haecker eng befreundet war der Verleger der katholischen Monatszeitschrift ''Hochland'', Carl Muth. Das ''Hochland'' - bereits 1903 gegründet - wurde in der Zeit des Nationalsozialismus zu einem Sammelbecken für katholisch orientierte Intellektuelle, die sich hier unter Vermeidung aller politischen Fallstricke über philosophische, historische und theologische Themen äußern konnten. Als eines der wenigen nicht gleichgeschalteten Presseorgane konnte die Zeitschrift seit 1933 ihre Auflage fast verdoppeln. Besonders die geschichtlichen Themen dienten dazu, auf versteckte Weise Kritik an der Gegenwart zu üben, etwa wenn aus einem Beitrag über Napoleon auch auf den Größenwahn Hitlers geschlossen werden konnte. Im Juni 1941 wurde das ''Hochland'' angeblich wegen Papiermangels von den NS-Behörden eingestellt. Wenige Monate später lernten sich Muth und Hans Scholl kennen. Muth gab Hans Scholl den Auftrag, seine Bibliothek zu ordnen, so daß sich die beiden eine Zeitlang fast täglich sahen. Erst durch Muth gelangte Scholl zu einer intensiven Beschäftigung mit Religion. Nach den Verhaftungen der ''Weißen Rose'' wurde auch Muth verhört und sein Haus durchsucht. Es konnte ihm jedoch eine Mitwisserschaft an den Widerstandsaktionen nicht nachgewiesen werden. Am weitesten in den Widerstand der ''Weißen Rose'' verstrickt wurde der Philosoph, Musikwissenschaftler und Psychologe Kurt Huber. Anders als Haecker und Muth war Huber auf regelmäßige Einkünfte angewiesen, um seine Familie zu ernähren. Ein schlecht bezahlter Lehrauftrag an der Universität München reichte nur zum Allernötigsten. Huber mußte immer wieder mit nationalsozialistischen Institutionen kooperieren und beantragte 1940 sogar die Aufnahme in die NSDAP, weil er hoffte, auf diese Weise endlich den Geldsorgen zu entgehen. Davor hatten die NS-Behörden mehrmals seine Festanstellung an Universitäten hintertrieben. Hubers wissenschaftliches Spezialgebiet war die Volksmusikforschung, die er durchaus zeitgemäß unter ''völkischen'' Gesichtspunkten betrieb, ohne dabei jedoch dem Rassismus der nationalsozialistischen Volkskunde zu verfallen. Er hielt auch Philosophievorlesungen, die bei NS-kritischen Studenten wegen ihrer zahlreichen Anspielungen und sarkastischen Bemerkungen über den Nationalsozialismus sehr beliebt waren. In diesen Vorlesungen lernten ihn auch die Mitglieder der ''Weißen Rose'' kennen. Zu einem ersten engeren Kontakt kam es im Frühsommer 1942 auf einer privaten Autorenlesung, als Huber die Anwesenden dadurch beeindruckte, daß er sich offen gegen die Rechtsverletzungen des Nationalsozialismus wandte. In die Widerstandsarbeit der ''Weißen Rose'' eingeweiht wurde Huber erst Anfang 1943. Immer wieder kam es allerdings zwischen ihm und den Jugendlichen zu Konflikten, weil der konservativ-ständisch denkende Huber die Widerstandsaktionen doch als sehr radikal empfand. Besonders über die Rolle der Wehrmacht, deren verbrecherische Kriegführung Scholl, Schmorell und Graf in Rußland miterlebt hatten, konnten sie sich nicht einigen. Im Februar 1943 verfaßte Huber das sechste Flugblatt der ''Weißen Rose''. Scholl und Schmorell vervielfältigten es, nachdem sie ohne Hubers Zustimmung einen Absatz über die ''herrliche Wehrmacht'' darin gestrichen hatten. Wenige Tage später wurden die Geschwister Scholl in der Universität verhaftet. Huber wurde zusammen mit Graf und Schmorell am 19. April zum Tode verurteilt. In seiner Verteidigungsrede berief er sich auf die sittliche Verantwortlichkeit jedes Menschen, die ihn zum Widerspruch gegen einen rechtlosen, lügnerischen, in Hubers Terminologie ''bolschewisierten'' Staat aufgefordert habe: ''Ich glaube im Namen all der jungen Akademiker, die hier angeklagt sind, zu sprechen, wenn ich behaupte: Die Bekämpfung des inneren Bolschewismus, der im nationalsozialistischen Staat von heute immer bedrohlicher sich ausbreitet, war das sittliche Ziel unseres Handelns. (...) Was ich bezweckte, war die Weckung der studentischen Kreise nicht durch eine Organisation, sondern durch das schlichte Wort; nicht zu irgend einem Akt der Gewalt, sondern zur sittlichen Einsicht in bestehende schwere Schäden des politischen Lebens. Rückkehr zu klaren sittlichen Grundsätzen, zum Rechtsstaat, zu gegenseitigem Vertrauen von Mensch zu Mensch; das ist nicht illegal, sondern umgekehrt die Wiederherstellung der Legalität. (...) Die innere Würde des Hochschullehrers, des offenen, mutigen Bekenners seiner Welt - und Staatsanschauung kann mir kein Hochverratsverfahren rauben. '' Künstler und Kunstsinnige Wegen politischer Aktivitäten für die KPD verfolgt wurde der seit 1930 in München ansässige Maler Erwin Oehl. Seine Bilder ließen sich als Propaganda und Kampfikonographie für die von ihm heiß ersehnte Revolution der Arbeiterklasse lesen. Oehl wurde nach der nationalsozialistischen ''Machtergreifung'' einen Monat lang inhaftiert und dann mit einem Berufsverbot und Aufenthaltsverbot für München belegt. Seine Freundin und spätere Frau Louise Brod, die sich politisch noch mehr engagiert hatte, kam erst im Dezember 1933 wieder frei. Aufgrund der andauernden Repressalien emigrierten beide 1936 nach Paris. Nach dem Einmarsch der deutschen Truppen 1940 wurden sie erneut verhaftet, nach München zurückgebracht und wegen ''Vorbereitung zum Hochverrat'' angeklagt. Während Oehl 1942 frei kam, wurde seine Frau bis zum Kriegsende im KZ Ravensbrück festgehalten. Weitere Künstler, die sich im nationalsozialistischen München aktiv im politischen Widerstand betätigt hätten, sind nicht bekannt. Die antinationalsozialistische literarische Avantgarde war 1933 bereits emigriert: Thomas Mann zog mit seiner Familie in die Schweiz. Lion Feuchtwanger , dessen Bücher aufgrund seines Judentums sofort auf den Index kamen, emigrierte nach Frankreich. Oskar Maria Graf ging schon im Februar 1933 nach Österreich und protestierte von dort aus in der ''Wiener Arbeiterzeitung'' gegen die ''Schmach'', von den nationalsozialistischen Bücherverbrennungen ausgenommen worden zu sein: ''(...) Das 'Dritte Reich' hat fast das ganze deutsche Schrifttum von Bedeutung ausgestoßen, hat sich losgesagt von der wirklichen deutschen Dichtung, hat die größte Zahl ihrer wesentlichsten Schriftsteller ins Exil gejagt und das Erscheinen ihrer Werke in Deutschland unmöglich gemacht. (...) Und die Vertreter dieses barbarischen Nationalismus, der mit Deutschsein nichts, aber auch rein gar nichts zu tun hat, unterstehen sich, mich als einen ihrer 'Geistigen' zu beanspruchen, mich auf ihre sogenannte 'weiße Liste' zu setzen, die vor dem Weltgewissen nur eine schwarze Liste sein kann! Diese Unehre habe ich nicht verdient! Nach meinem ganzen Leben und nach meinem ganzen Schreiben habe ich das Recht, zu verlangen, daß meine Bücher der reinen Flamme des Scheiterhaufens überantwortet werden und nicht in die blutigen Hände und die verdorbenen Hirne der braunen Mordbanden gelangen. Verbrennt die Werke des deutschen Geistes! Er selber wird unauslöschlich sein wie eure Schmach! '' Der "halbjüdische" Verleger Kurt Wolff verließ Deutschland im März 1933. All diese Emigranten wurden vom NS-Regime ausgebürgert, sie alle kämpften weiterhin vom Ausland aus mit publizistischen Mitteln gegen den Nationalsozialismus. Nach oft abenteuerlichen Odysseen durch verschiedene europäische Länder, immer auf der Flucht vor der deutschen Besetzung, landeten sie Anfang der 40er Jahre in Amerika, wo manche von ihnen dauerhaft eine neue Heimat fanden. Die Künstler, die gegen das NS-Regime oppositionell eingestellt waren, aber nicht emigrieren wollten, mußten einen schwierigen Weg zwischen Anpassung und Resistenz gehen. Soweit sie sich nicht politisch exponiert hatten, litten sie dabei weniger unter den Verfolgungsdrohungen des Regimes als unter ihrer zunehmenden Isolierung und Ausschaltung aus dem Kunstbetrieb. Der avantgardistische Komponist Carl Amadeus Hartmann versuchte mit verzweifelter Anstrengung, seine Verbindungen ins Ausland zu nutzen, um sich weiterhin Aufführungs- und Veröffentlichungsmöglichkeiten zu verschaffen. Als Pazifist und Linksintellektueller hatte er noch 1933 eine ''Kantate für Männerchor a capella nach Worten von Becher und Marx'' komponiert. Ein dänischer Komponistenkollege schrieb ihm im Mai 1933: ''Ihre Schwierigkeiten habe ich schon erwartet, ich verstehe, was Sie erleben müssen, und bin überzeugt, daß das Schlimmste noch nicht gekommen ist.'' Für Hartmann verbanden sich seine politisch prekäre Situation und die allgemein äußerst schlechten Bedingungen für neue Musik im nationalsozialistischen Deutschland zu einem einzigen Debakel. Immer wieder ist in den Briefen an seine ausländischen Freunde von den ''besonderen Umständen bei uns'', von den ''besonderen schwierigen Verhältnissen'', von seinem ''schweren Existenzkampf'' die Rede. Für die nationalsozialistische Kunstpolitik hatte Hartmann nichts als Verachtung übrig: "Wenn es nicht so tieftraurig wäre, müßte es lächerlich wirken, daß man alles das, was auf künstlerischem Gebiet neue Wege sucht und auf das Denkvermögen der Zuhörer, Zu - und Beschauer einige Anforderungen stellt, mit dem geflügelten Wort 'Kulturbolschewismus' abtut. Dabei bleibt es jedem selbst überlassen, was er sich darunter vorstellen will. Jedenfalls aber soll diese Bezeichnung der Inbegriff alles Verwerflichen und Furchtbaren sein. Für den Spießer, der ja leider nicht in der Minderzahl ist, mag es bequem sein, ein Schlagwort zu besitzen, das ihn jeden Nachdenkens über neue Probleme (ernste Kunst) von vorneherein enthebt." 1934 mußte er sich um Aufnahme in die Reichsmusikkammer bemühen, um überhaupt noch seine Urheberrechte verwerten zu können. Wie schwer ihm dies fiel, zeigen die zahlreichen Mahnungen der Reichsmusikkammer 1935 und 1936, endlich den ausgefüllten politischen Fragebogen und den ''Ariernachweis'' beizubringen. Die meisten Versuche Hartmanns, an internationalen Musikfesten teilzunehmen, scheiterten am Einspruch der Reichsmusikkammer. Der Kriegsausbruch machte schließlich alle Möglichkeiten, wenigstens im Ausland noch aufgeführt zu werden, zunichte. In den 40er Jahren zog Hartmann mit seiner Familie in eine Kellerwohnung nach Starnberg. Es gelang ihm, einen Arzt zu finden, der ihn dauerhaft krank schrieb, so daß er nicht in den von ihm so verabscheuten Krieg ziehen mußte. Als das Kriegsende abzusehen war, komponierte er eine ''Klagegesang Symphonie'', die er seinem Berliner Freund Robert Havemann widmete: ''auch Sie, lieber Freund, haben für die Freiheit gekämpft und mußten dafür leiden. 1944''. Im Mai 1945 schrieb Hartmann eine Sonate über den Todesmarsch der Dachauer Häftlinge, den er in Starnberg beobachtet hatte. In die nationalsozialistische Verfolgungsmaschinerie gerieten nur Künstler, die sich kritisch über den Nationalsozialismus und seine Kunstpolitik geäußert hatten und dabei aus Zufall oder Unvorsichtigkeit einer Denunziation anheim fielen. Der Kunstmaler Botho Schmidt wurde Opfer einer typischen Denunziationskette: 1940 trug ein Nationalsozialist zur Gestapo, daß eine Bekannte von ihm mit einem Herrn durch die ''Große Deutsche Kunstausstellung'' gegangen sei, der sich ihr gegenüber abfällig über die Ausstellung geäußert habe: ''(...) weil die gezeigten Bilder meistenteils nur eine Kopie der äußeren Natur darstellten, die einfach abgemalt würde. Die großen alten Maler hätten wohl immer versucht, ihr eigenes Wesen in die gemalte Landschaft mit hineinzugeben, weil sonst die Photographie schließlich noch genauer sei als die nur kopierte Landschaft. Aber man müsse wohl berücksichtigen, daß dies eine Ausstellung von zeitgenössischen Malern sei, die mit ihren Werken nicht mit den alten großen Malern ohne weiteres zu vergleichen seien." Weiterhin habe der Mann seiner Begleiterin ein Gerücht erzählt - und dies war der eigentlich strafbare Teil -, daß bei der ''Großen Deutschen Kunstausstellung'' alleine ''der Führer bestimme, was gezeigt und nicht gezeigt werden darf'', daß ''in diesem Jahre der Führer auf einem kleinen Fahrzeug durch die Ausstellungsräume gefahren sei, um bei der Vielzahl der Kunstwerke vor Übermüdung geschützt zu sein'', und daß er einmal ein Bild, das ihm besonders mißfiel, ''in seiner Erregung mit dem Fuß durchstoßen habe.'' Von der Gestapo vernommen, sagte der denunzierte Kunstliebhaber aus, daß ihm diese Gerüchte ein ihm bekannter Maler, Botho Schmidt, erzählt habe. Gegen Schmidt wurde daraufhin ein Verfahren vor dem Sondergericht eingeleitet. Er hatte in den letzten Jahren immer wieder Bilder für die ''Große Deutsche Kunstausstellung'' eingereicht, die jedoch abgelehnt worden waren. Als Künstler lebte er in äußerst bedrängten Verhältnissen. Politisch verdächtig machte ihn zusätzlich, daß er 1919 einen führenden Revolutionär, Eugen Levinée-Niessen, zehn Tage bei sich versteckt hatte. Dennoch gelang es Schmidt, die Ermittlungsbehörden davon zu überzeugen, daß er mit seinen Äußerungen keine ''Heimtücke'' verbunden habe: ''Mit diesen Äusserungen wollte ich sagen, daß der Führer ein großes Interesse an der Kunstausstellung hat.'' Das Verfahren wurde eingestellt, und Schmidt kam mit einer Verwarnung davon. Auch Künstler, die eigentlich völlig unpolitisch waren oder sogar mit dem Nationalsozialismus sympathisiert hatten, wurden zum Teil durch die nationalsozialistische Kunstpolitik und die ihnen daraus erwachsenden Nachteile in die Opposition gedrängt. Der Musiker und Schriftsteller Georg Köhler unternahm 1940 mit Unterstützung der Reichskulturkammer eine Auslandsreise, um in Ungarn und Griechenland mit Bühnen und Verlagen zu verhandeln, da ihm der schriftstellerische Erfolg in Deutschland versagt blieb. Nach einigen Wochen schrieb er seiner Mutter aus Athen einen wütenden und verzweifelten Brief, der von der Zensurstelle abgefangen wurde. Köhler hatte sich zum einen über mangelnde Devisen beklagt, zum anderen aber auch das NS-Regime heftig angegriffen. Vor der Gestapo dazu vernommen sagte er aus: "Wenn ich weiter geschrieben habe: 'Wenn wir Deutschen uns in der Welt unbeliebt gemacht haben, so ist das nicht meine Schuld, sondern die der deutschen Staatsführung - die unschuldigen Opfer sind freilich wir', so bezieht sich dies auf meine Erfahrungen, die ich im Ausland als Deutscher machen mußte, und die Anpöbelungen, denen ich als Deutscher ausgesetzt war. So wurden wir Deutsche in Griechenland von Gebildeten häufig als 'Barbaren' abqualifiziert, in Ungarn sagte man mir, das Theater würde vor leeren Stühlen spielen, wenn das Werk eines deutschen Schriftstellers aufgeführt würde, woraus die Einstellung der Ungarn deutlich hervorgeht. Ferner habe ich in meinem Brief u.a. mitgeteilt: 'Ich weiß es wohl, wir deutschen Intellektuellen stehen auf einem verlorenen Posten, denn Kultur und Barbarei können nebeneinander nicht existieren, eines von den beiden muß dem andern weichen.' Hiermit wollte ich zum Ausdruck bringen, daß ich im Ausland unter dem Einfluß neuer Eindrücke und im Hinblick auf meine bitteren Lebenserfahrungen gewissen engherzigen Maßnahmen der Staatsführung gegenüber uns Intellektuellen verbittert war. In anderen Ländern macht man einen grundsätzlichen Trennungsstrich zwischen Politik und Weltanschauung, eine Überwachung des Geisteslebens, wie sie in Deutschland üblich ist, ist dort unbekannt (...)." Im Februar 1941 wurde Köhler zu fünf Monaten Gefängnis verurteilt. Oft wurde in denunzierten Äußerungen im Zusammenhang mit Kunstfragen auch die Judenverfolgung kritisch thematisiert. Im Dezember 1937 ließ sich der Münchner Schauspieler Ludwig Huber in einem Gasthaus am Tegernsee in eine Diskussion mit zwei SS-Unterscharführern ein. Die beiden nahmen an ihm ''Ärgernis'', weil er ''als Schauspieler öffentlich in einer Bierwirtschaft die Juden als kunstverständig und das deutsche Volk als dumm hingestellt hat'', und zeigten ihn bei der Gestapo an: "Nach den Angaben des Dumböck wurde über Kunst, die Ausstellungen 'Der ewige Jude', 'Entartete Kunst' und über Musik gesprochen. Dabei äußerte Huber, daß der Musiker Eisler (Jude) doch noch die beste Musik schreibe, und bis jetzt hat noch kein deutscher Künstler den Juden erreicht. (...) Im Laufe des weiteren Gesprächs über die Ausstellung 'Entartete Kunst' erklärte Huber, daß nur die Juden von der Kunst etwas verstehen. Wenn 100 Juden da seien, verstehen 60 von der Kunst etwas, von 100 Deutschen aber keiner etwas." Aufgrund einer Amnestie wurde ein Verfahren gegen den Schauspieler Huber nicht eingeleitet. Der Denunziant Dumböck machte später in der Kommandantur des KZ Buchenwald Karriere. Ein ganz besonderer Fall, in welchem nicht nur ein einzelner Künstler, sondern gleich eine ganze Gruppe in die Fänge der Gestapo geriet, weil sie sich über die Dummheit des Nationalsozialismus lustig gemacht, die Juden in Schutz genommen und sich auch sonst abfällig über das Regime geäußert hatte, war die ''Herberge fahrender Gesellen'' - eine logenähnliche Vereinigung, die sich seit Anfang 1938 monatlich im ''Corpshaus Vitruvia'' in der Heßstraße traf. Ihre Mitglieder setzten sich aus einem Dutzend älterer Künstler und Kunstliebhaber zusammen, die offenbar alle beruflich erfolgreich waren und auf standesgemäße Weise ''künstlerische Geselligkeit'' pflegen wollten. Neben dem Schriftsteller Max Rohrer, dem Komponisten Richard Mors, dem Bildhauer Johannes Schwegerle und dem Kunstmaler Richard Ferdinand Schmitz gehörten dem Kreis auch ein Oberstudiendirektor, ein Prokurist, ein Buchdruckereibesitzer, ein Facharzt, ein Professor und ein Generaldirektor an. Die meisten kannten sich von früher, aus der freimaurerähnlichen Gesellschaft ''Schlaraffia'', die 1936 verboten worden war. Eigentlich hatte man nur vor, sich gegenseitig mit künstlerischen, literarischen und musikalischen Vorträgen zu unterhalten und die alten Rituale wieder aufleben zu lassen: Man wählte einen Vorstand als ''Oberaltgesellen'', bestellte bei jeder Sitzung wechselnde ''Tafelmeister'', die in möglichst mittelalterlich anmutendem Deutsch Protokolle der Sitzungen zu schreiben hatten, begrüßte sich gegenseitig mit ''Halloh'', gab Trinksprüche aus und trampelte mit den Füßen, um einem besonders gelungenen Bonmot Beifall zu zollen. Auf der Eröffnungsveranstaltung am 13. Januar 1938 verkündete ein Redner, ''daß sie den heutigen Staat nicht bekämpfen wollen, wenn sie auch nicht mit allem, was heute vom Staat aus getan wird, voll und ganz einverstanden seien." Doch ihre freien Reden genügten: Sie wurden von dem Hausmeister belauscht, dessen Frau sie mit der kulinarischen Verpflegung beauftragt hatten. Der Hausmeister verständigte die Gestapo, und die Gestapo beschattete daraufhin knapp ein Jahr lang alle Treffen und baute sogar eine Lauschanlage in dem Versammlungszimmer ein. Bei fast jeder Sitzung fielen ''staatsfeindliche'' Bemerkungen. Man empörte sich über das KZ Dachau ebenso wie über den ''Anschluß'' Österreichs, die allgegenwärtige Bespitzelung und die hohen Preise. Hitler wurde als ''krankhafter Mensch'' bezeichnet und die Nationalsozialisten allgemein als ''Emporkömmlinge'' verlacht. Die neuesten politischen Witze belohnte man mit begeistertem Fußgetrampel. "Ein Mitglied mit stark norddeutscher Aussprache erwähnte dann, daß er in einer Schrift, die im freien Handel nicht zu haben sei, gelesen habe, daß für den 'Führer' eine neue Bezeichnung gewählt werden solle, weil das Wort Führer schon zu stark abgegriffen sei. In der Schrift sei das Wort 'Führig' oder 'Führoll' in Vorschlag gebracht worden. Es wurde dann noch die beim Militär neu eingeführte Anrede der Offiziere unter Weglassung der Anrede in der dritten Person glossiert." Besonders kritisiert wurden die antijüdischen Maßnahmen und die Vertreibung der jüdischen Dichter und Literaten. Einen Tag nach der ''Reichskristallnacht'' beherrschten die Ausschreitungen das Gespräch: "Es erfolgte dann eine sehr lebhafte Aussprache über die Empörung des Volkes gegen die Juden. Es wurde davon gesprochen, daß es eine Schande für die Nation sei, es seien im ganzen Reich die Geschäfte demoliert und ausgeraubt worden, es würden etwa 70 Synagogen brennen und es sei doch wirklich schade für die alte reizende Synagoge in München an der Herzog-Rudolf-Straße." Am selben Tag erfolgten, von langer Hand geplant, die Festnahmen. Mehrere Monate lang wurden die Beschuldigten verhört. Doch es gelang ihnen, sich so geschickt zu verteidigen, daß entweder nicht mehr feststellbar war, von wem die einzelnen ''staatsfeindlichen'' Äußerungen getan worden waren, oder ihr ''staatsfeindlicher'' Sinn nicht bewiesen werden konnte. Wahrscheinlich spielte auch eine Rolle, daß alle Beschuldigten aus der gehobenen Gesellschaftsschicht stammten und ihre persönlichen Verbindungen nutzen konnten. Im September 1940 wurde das Verfahren gegen acht Mitglieder der ''Herberge der fahrenden Gesellen'' eingestellt, die drei übrigen wurden in der Gerichtsverhandlung Ende 1940 freigesprochen. Der Oberstudiendirektor und der Facharzt, die sich durch ''besonders gehässige Äußerungen'' hervorgetan hatten, kamen wohl allerdings, einem Schreiben der Gestapo an den Ermittlungsrichter zufolge, ins KZ.
|