Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter

Ausländische "Fremdarbeiter", "Fremdarbeiterinnen" und Kriegsgefangene bildeten seit 1940 einen immer größer werdenden Teil der Bevölkerung im nationalsozialistischen Deutschen Reich. Sie machten bis zu einem Drittel der gesamten Arbeiterschaft aus. Hintergrund dafür war, daß die Arbeitslosigkeit in Deutschland ab Mitte der 30er Jahre in einen zunehmenden Arbeitskräftemangel umschlug, vor allem verursacht durch den hohen Bedarf in der Rüstungsindustrie. Schon 1938 wurden ausländische Saisonarbeiter in der Landwirtschaft eingesetzt, um die in die Stadt abgewanderten Knechte und Mägde zu ersetzen. Mit Kriegsbeginn verschärfte sich der Arbeitskräftemangel deutlich, da die Einberufungen die wehrfähigen Männer vom Arbeitsmarkt zogen. Im Ausland zunächst noch auf mehr oder weniger freiwilliger Basis angeworbene Zivilarbeiter aus Jugoslawien, dem "Protektorat Böhmen und Mähren", dem eroberten Polen, aus Italien, den Niederlanden, Belgien und der Slowakei sollten den Mangel beheben. Hinzu kamen die ersten Kriegsgefangenen: einige Polen, vor allem aber viele Franzosen, die gerade in den Münchner Industrien mit ihrem hohen Facharbeiterbedarf sehr begehrt waren. Die Firmen - allen voran BMW, Krauss-Maffei und Agfa, aber auch die kleineren rüstungs- und zivilwirtschaftlichen Betriebe - stellten ihre Produktion immer mehr auf die ausländischen Arbeitskräfte um.

Das NS-Regime trieb diese Umstrukturierung des deutschen Arbeitsmarktes mit großem Einsatz voran, da es der nationalsozialistischen Ideologie voll entsprach, daß ausländische, "fremdvölkische" Arbeiter die bei der Expansion anfallende Schmutzarbeit billig erledigten. Bald wurden die Zivilarbeiter in den besetzten Gebieten nicht mehr freiwillig geworben, sondern zum Teil mit brutalsten Methoden zwangsrekrutiert. Nationalsozialistische Häscher fingen auf Straßenrazzien willkürlich junge Männer und Frauen ein und verschleppten sie wie Sklaven zum Arbeitseinsatz nach Deutschland. Die meisten Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen aus dem westlichen wie aus dem östlichen Europa gehörten den unteren Schichten an und besaßen keine Ausbildung. Offensichtlich gelang es den Gebildeten und Reicheren eher, sich durch Atteste und Bestechungen der Zwangsrekrutierung zu entziehen. Die Arbeitszeit der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter steigerte sich im Laufe der Kriegsjahre von circa 54 auf über 72 Wochenstunden. Im Vergleich dazu arbeiteten auch die dienstverpflichteten Deutschen meist nicht mehr als 50 Stunden in der Woche. Untergebracht waren die ausländischen Arbeiter und Kriegsgefangenen in Barackenlagern meist auf dem Gelände der Firma, die sie beschäftigte. In München gab es Hunderte solcher Lager - in der Regel in primitivster Bauweise errichtet, mit katastrophalen sanitären Bedingungen und unter strenger Aufsicht von Wachpersonal.

Bei ihrer Behandlung der Ausländer unterschieden sowohl die nationalsozialistischen Behörden als auch die Firmen deutlich zwischen verschiedenen Gruppen: Noch am besten erging es den Angehörigen "befreundeter" Staaten wie Italien, Kroatien oder Rumänien. Wesentlich schlechter wurden die Ausländer aus den besetzten "Feindstaaten" behandelt, die meist durch Zwangsmaßnahmen nach Deutschland gepreßt worden waren. Die Kriegsgefangenen standen am unteren Ende der Hierarchie. Sie erhielten keinen Urlaub und die schlechteste Verpflegung. Kriegsgefangenen und Zivilarbeitern war der Umgang miteinander verboten. In unbeschreiblichem Elend arbeiteten schließlich die KZ-Häftlinge, die gegen Ende des Krieges in der Rüstungsproduktion bei den Firmen eingesetzt wurden. Bei ihnen ging es nicht mehr um den Erhalt der Arbeitskraft, sondern um "Vernichtung durch Arbeit".

Weiterhin unterschied man die Arbeiter auch unter rassistischen Gesichtspunkten nach "germanischer" und "nichtgermanischer" Abstammung, wobei es den "ostischen Untermenschen" aus Polen und der Sowjetunion am schlechtesten erging. Die ersten sowjetischen Kriegsgefangenen kamen im Herbst 1941 in katastrophalem Zustand nach München. Bald stellten sie die Hälfte aller Münchner Kriegsgefangenen. Seit Anfang 1942 lieferten regelrechte Menschenjagden der Arbeitsbehörden gemeinsam mit Polizei und SS den Münchner Firmen Tausende von "Ostarbeitern" aus der besetzten Ukraine. Unter diesen waren ebenso viele Frauen wie Männer. Selbst Kinder wurden zum Arbeitseinsatz verschleppt.

1943 wurden die Ausländertransporte spärlicher, das Reservoir ausländischer Arbeitskräfte schien erschöpft. Also steigerte man die Ausbeutung der vorhandenen Arbeiter: Man verlängerte noch einmal die Arbeitszeiten und erließ eine generelle Urlaubssperre. Gleichzeitig versuchte man, für die privilegierteren Gruppen Leistungsanreize zu schaffen. Viele französische Kriegsgefangene wurden ins Zivilarbeiterverhältnis überführt, wo sie erheblich mehr Geld verdienten und größeren Bewegungsspielraum besaßen. 1944 zählten die Münchner Rüstungsbetriebe zwischen 30 und 50 Prozent Ausländerbelegschaft. An der Spitze stand BMW in Allach mit 65 Prozent.

Verweigerung und Protest gegen die Entrechtung

Für ausländische Zivilarbeiter und Kriegsgefangene waren die Möglichkeiten, etwas gegen die eigene Entrechtung zu unternehmen, äußerst begrenzt. Streiks, Beschwerden und Arbeitsverweigerungen kamen dennoch immer wieder vor, meist als unmittelbare Reaktion auf Versorgungsdefizite, Erschöpfung und Heimweh. Bei "Verletzungen der Arbeitspflicht" mußte man mit schlimmsten Strafen rechnen: Obwohl die Zivilarbeiter eigentlich den Arbeitsämtern unterstanden, wurde bei "Ostarbeitern" automatisch die Gestapo eingeschaltet, bei "Westarbeitern" nach Belieben. Dutzende von "Ostarbeitern" in München verfielen wegen kleiner Vergehen der sogenannten Sonderbehandlung und wurden ohne Verfahren hingerichtet. Hunderte kamen in Polizeihaft, manche auch ins KZ. Die sowjetischen Kriegsgefangenen wurden ebenfalls in großer Zahl der "Sonderbehandlung" zugeführt. Lediglich in den Lagern der westlichen Kriegsgefangenen herrschten mildere Verhältnisse, da diese dem Zugriff der Gestapo in der Regel entzogen waren.

Gemeinschaftliche Streikaktionen kamen nur Anfang der 40er Jahre vor, als die Rigorosität der für Arbeitsverweigerung verhängten Strafen den neu angekommenen Gruppen vielleicht noch nicht bekannt war. Im April 1940 traten rund 40 polnische Arbeiter bei der Baufirma Macher in den Streik, um durchzusetzen, daß sie den gleichen Lohn wie die deutschen Arbeiter erhielten. Daraufhin wurden die Wortführer sofort verhaftet, die anderen kehrten unter massiven Drohungen wieder zur Arbeit zurück. Auf der Lufthansa-Flugwerft in München-Riem legten im September 1941 70 Ungarn die Arbeit wegen unzureichender Grundversorgung und Unterbringung, Nichteinhaltung der Lohnzusagen und Behinderung der Lohnüberweisungen in die Heimat nieder. Da Ungarn als "befreundeter" Staat galt, versuchten die Behörden zunächst einen Ausgleich: Vertreter der Deutschen Arbeitsfront führten, unter Anwesenheit der Gestapo, mit den Streikenden ein "belehrendes" Gespräch. Als dieses jedoch nichts half, wurden drei "Rädelsführer" verhaftet. Erst daraufhin nahmen die Ungarn die Arbeit wieder auf.

Auch Beschwerden Einzelner über die schlechten Arbeitsbedingungen konnten üble Folgen haben, besonders wenn die Beschwerdeführer im Zorn auch ihre Entrechtung in Deutschland beklagten. Der holländische Zivilarbeiter Pieter de Boer wurde 1941 wegen solcher Äußerungen zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Von Beruf eigentlich ein gut ausgebildeter chemigraphischer Facharbeiter, war de Boer zu schweren körperlichen Arbeiten bei der Reichsbahn in Neuaubing zwangsverpflichtet worden. Zu Hause in Holland hatte er eine Frau und zwei Kinder. Sein Selbstbewußtsein ließ er sich in Deutschland nicht nehmen. Da er gut deutsch sprach und viele deutsche Bücher gelesen hatte, nahm er offenbar unter den holländischen Arbeitern bald eine Führungsrolle ein. Mehrmals sprach er bei dem Betriebsführer und dem Lagerführer vor und forderte bessere Lebensbedingungen:

"Heute Mittag erklärte de Boer, daß das Essen im Lager viel zu wenig ist und ganz besonders, wenn man schwere Schneeräumungsarbeiten zu leisten hat. Auch die übrigen holländischen Arbeiter erklärten, daß das Essen zu wenig sei. (...) Bei der Auseinandersetzung erklärte der Lagerführer dem de Boer, daß er als Hetzer und Aufwiegler längst erkannt ist; er solle nicht immer über das Essen schimpfen und erklären, daß unser Lager ein Drecklager sei. Wenn man de Boer irgendwelche Sparmaßnahmen in der Verpflegung oder in der Beheizung vorhält, dann ist sein zweites Wort 'Armes Deutschland!'. Bei der Arbeiterrotte erklärte er, wenn es jetzt nur zwei Meter herunterregnen würde, daß dieses Bayernlandl endlich weggeschwemmt würde.

Als der Lagerführer dem de Boer erklärte, daß er auch zu den Lagerinsassen gehöre, die nur essen wollen und möglichst wenig arbeiten, erklärte de Boer, daß er auch kein guter Arbeiter sei; er ist auch nicht freiwillig nach Deutschland gekommen, sondern nur gezwungenerweise. Dem Vorhandwerker Hildebrand gegenüber äußerte er sich auch, daß er an der Arbeit in Deutschland kein Interesse habe. Dem Betriebsführer gegenüber erklärte er noch, daß er über Deutschland seine bestimmte Meinung habe. Der Lagerführer erklärte weiter, daß sich de Boer ihm gegenüber bei einer Auseinandersetzung äußerte, daß in Rußland eben die Leute hingeschlachtet werden und in Deutschland werden die Leute an die Wand gestellt, da sei kein Unterschied zwischen Nationalsozialismus und Kommunismus."

Diese Bemerkungen über das nationalsozialistische Deutschland brachten de Boer vor das Sondergericht. Er wurde zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt.

Während de Boer als Holländer zumindest nicht unter rassistischen Gesichtspunkten verurteilt wurde, mußten Polen und Russen, wenn sie sich gegen das ihnen zugefügte Unrecht wehrten, aufgrund ihrer angeblichen "rassischen Minderwertigkeit" mit weit verschärften Strafen rechnen. Die "Polenstrafrechtsverordnung" vom 4. Dezember 1941 erlaubte es, Polen wegen geringster Vergehen sogar zum Tode zu verurteilen. Im Dezember 1941 geriet der gerade 17 Jahre alt gewordene Pole Boleslaw Buczkowski in eine Schlägerei mit dem Bauern, bei dem er seit fast zwei Jahren in Zwangsarbeit stand. Buczkowski war als Kind, mit nur 15 Jahren, seiner Familie entrissen und nach Deutschland verschleppt worden. Da ihn die Münchner Bauersfamilie nicht gut behandelte, war er natürlich über sein Schicksal äußerst verbittert und unglücklich. Eines Tages, als ihn der Bauer wegen eines gestohlenen Apfels ins Gesicht schlug, wehrte er sich, versetzte ihm eine Wunde über dem Auge und floh aus dem Haus. In der Nacht erzählte er einem Franzosen, der ihm im Wald begegnete, daß er den Hof des Bauers anzünden wolle. Vier Monate später verurteilte ihn das Landgericht zu einem Jahr und sechs Monaten Gefängnis, wobei es seine Jugendlichkeit berücksichtigte, aber auch anführte, "daß bei Polen nur erheblich härtere als die üblichen Strafen den Strafzweck erreichbar erscheinen lassen." Dem Oberstaatsanwalt war das Urteil jedoch bei weitem zu mild. Er beantragte Revision und erreichte, daß Buczkowski im August 1942 vor dem Sondergericht tatsächlich zum Tode verurteilt wurde. Das Urteil des berüchtigten Richters Schwingenschlögl strotzte von rassistischen Ausfällen. 410 Plakate verkündeten im ganzen Münchner Raum Buczkowskis Hinrichtung. Die Herausgabe seiner Leiche wurde seiner Familie verweigert. Auch seine Abschiedsbriefe erhielt die Familie bis heute nicht. Da sie eine schonungslose Abrechnung des 17jährigen mit dem den Polen von Deutschen zugefügten Unrecht enthielten, wurden sie nicht befördert:

"Das Unrecht, das uns zugefügt ist, wird in allerkürzester Zeit belohnt werden. Des Bauern, der mich zum Tode verurteilte, werden sich andere Polen erinnern und ihn dafür lohnen. Dieses Unrecht wird in der neuen Geschichte Polens eingetragen werden, indem sie uns während des Krieges zu Tausenden niedermetzelten, aber die Polen, die verbleiben, werden sie bis zum letzten nach dem Krieg niedermachen. (...) Wenn sie mir auch das Leben nehmen, meinen Geist können sie mir nicht nehmen."

"Vergeßt nur nicht, daß ich in Deutschland umgekommen bin, damit Ihr und das polnische Volk im Andenken habt, was in Deutschland mit den Polen geschieht."

Daß sich die Zwangsarbeiter, wie Pieter de Boer und Boleslaw Buczkowski, offen auflehnten, geschah nur in Einzelfällen. Ein Massenphänomen hingegen waren "Verletzungen der Arbeitspflicht" wie Arbeitsverweigerung, unberechtigtes Verlassen des Arbeitsplatzes, "Bummelei", "Renitenz", die aus reiner Erschöpfung ebenso wie aus Protest begangen wurden. Allein im Monat November 1941 wurden in München 321 ausländische Arbeiter verschiedenster Nationalität in Polizeihaft genommen. In den Regierungs- und Polizeiberichten häuften sich Klagen über Verstöße gegen die "Arbeitsdisziplin" vor allem dann, wenn militärische Rückschläge der deutschen Armeen bekannt geworden waren. Auch Krankmeldungen wurden oft als verdeckte Arbeitsverweigerung und "Drückebergerei" gewertet und bestraft. In einigen Fällen versuchten Zwangsarbeiter, durch Selbstverstümmelung zu erreichen, daß sie wieder in die Heimat zurückgeschickt würden. "Ostarbeiter" fügten sich durch Einschnürungen der Hände und Füße Geschwüre zu, eine Reihe von Holländern gab sich als Bettnässer aus.

Um sich dem "Arbeitseinsatz" gänzlich zu entziehen, probierten sehr viele Kriegsgefangene und Zwangsarbeiter die Flucht, zum Teil auch mit Erfolg. Aussicht auf eine erfolgreiche Flucht hatten jedoch nur Arbeiter aus den westlichen Staaten. Da Polen und Russen grundsätzlich keinen Urlaub bekamen, halfen ihnen in der Regel auch gefälschte Papiere nichts. Auf dem weiten Weg in ihre Heimat mußten sie fast mit Sicherheit damit rechnen, entdeckt und gefangengenommen zu werden. Für die Russen und Ukrainer kam noch hinzu, daß sie in der Sowjetunion als Landesverräter betrachtet und bei ihrer Heimkehr unter Umständen sofort in ein sowjetisches Zwangslager eingeliefert wurden.

In einem besonders spektakulären Fall gelang es allerdings zwei Ukrainern, Johann Serdjuk und Fjodor Dregin, in der Nacht zum 3. September 1944 aus dem Gestapogefängnis Wittelsbacher Palais zu entfliehen. Mit einem Eisenstück, das sie von einer Pritsche gelöst hatten, brachen sie in tagelanger Arbeit neben dem Zellenfenster ein Loch in die Mauer, bis sie das ganze Fenster wegreißen und in den Hof hinunterspringen konnten. Da das Tor zum Hof offen stand, entkamen sie ins Freie. Zwei ihrer Zellengenossen hatten ihnen bei der Arbeit geholfen. Der Dritte hielt unter ihren Drohungen still, bis die Flucht geglückt war, läutete aber dann nach dem Wachtmeister. Sofort wurde das ganze Gelände mit Hunden abgesucht. Das weitere Schicksal der beiden Geflohenen ist nicht überliefert.

Für die fluchtwilligen westlichen Arbeiter und Gefangenen war eine sehr gute Vorbereitung unabdingbar. Ein Polizeibericht vom Juli 1942 zählt die Fluchtmittel auf, die bei einer Razzia in einem Kriegsgefangenenlager gefunden wurden:

"Am 14. 7. 42 um 8 Uhr wurde das Lager für französische Kriegsgefangene, die als Arbeitskommando bei der Firma Rathgeber in Moosach beschäftigt sind, razzienmäßig auf Fluchtmittel überholt. Das Gefangenenlager besteht aus vier Baracken mit Nebenräumen, in denen 450 französische Kriegsgefangene untergebracht sind. Auch die Fabrikhallen der Firma Rathgeber, in denen sich Schränke der dort beschäftigten Zivilarbeiter befinden, wurden durchsucht. Im Lager der Kriegsgefangenen wurden festgestellt und beschlagnahmt:

5 Zivilanzüge, 25,80 Reichsmark Bargeld in deutscher Währung, 260 französische Francs, 4 Rucksäcke, 1 Radioanlage mit 2 Kopfhörern, die geheim angelegt war, 7 feststehende Messer, 32 Rasiermesser, 5 skizzierte Fluchtpläne, 1 Fahrplan der Reichsbahn, 12 Landkarten sowie eine große Menge von Werkzeugstücken verschiedenster Art, wie Sägen, Meißel, Zangen, Hämmer, Bohrer usw."

Bis zur Einführung der Urlaubssperren 1942 nutzten "Westarbeiter" ihren Urlaub, um nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. In ihrer Heimat mußten sie sich dann verstecken, doch war die Gestapo in den besetzten Gebieten in der Regel damit überfordert, alle Entlaufenen wieder einzufangen. Es entwickelte sich ein reger Markt für gefälschte und gestohlene Pässe und Urlaubsscheine. Da die Kriegsgefangenen grundsätzlich keinen Urlaub bekamen, keine Fahrscheine kaufen durften und in ihren Uniformen zu sehr auffielen, waren sie auf die Hilfe ihrer zivilen Landsleute angewiesen. "Westarbeiter" besorgten den Kriegsgefangenen Papiere, Fahrscheine und Zivilkleidung - aus Mitleid, Freundschaft oder landsmännischer Solidarität, oft allerdings auch, weil diese sie dafür bezahlten. Zum Teil nahm die Fluchthilfe regelrecht organisierte Formen an. So meldeten die Bayerischen Motorenwerke im Oktober 1942 der Gestapo:

"Französische Zivilarbeiter aus dem besetzten und unbesetzten Gebiet, die bereits seit längerer Zeit in Deutschland arbeiten, erhalten aufgrund ihres Arbeitsvertrages Urlaub. Vor ihrem Urlaub setzen sie sich mit französischen Kriegsgefangenen des eigenen oder eines fremden Werkes in Verbindung und lassen sich von diesen die genauen Personalien geben. Mit diesen Unterlagen fahren die französischen Zivilarbeiter nach Frankreich auf Urlaub. Während ihres Urlaubs lassen sich diese französischen Zivilarbeiter unter falschem Namen (- die Personalien des jeweiligen Kriegsgefangenen geben sie an -) für Firmen in der Umgebung ihres jeweiligen Arbeitsortes anwerben. Nach Beendigung ihres Urlaubs kommen die französischen Zivilarbeiter wieder auf ihren alten Arbeitsplatz, setzen sich daraufhin mit dem betreffenden Kriegsgefangenen in Verbindung und händigen diesem die Anwerbungspapiere für die jeweilige Firma aus. Außerdem bringen sie für den französischen Kriegsgefangenen Zivilkleider aus Frankreich mit. Daraufhin flüchtet der französische Kriegsgefangene und meldet sich einige Tage später bei der Firma, für die er durch den französischen Zivilarbeiter in Frankreich angeworben worden ist. Nach Ablauf einer gewissen Zeit bekommt der nunmehr neugebackene Zivilarbeiter bezahlten Heimaturlaub und fährt mit Original -Urlaubspapieren nach Hause. Für die Beschaffung dieser Anwerbungspapiere läßt sich der französische Zivilarbeiter zwischen 10 000-12 000 Francs zahlen."

Meist gingen die Fluchthilfeunternehmen auf die Initiative besonders engagierter und findiger Einzelner zurück. Der französische Jurastudent Daniel Montuelle, der im Güterbahnhof München-Laim als Rangierarbeiter beschäftigt war, brachte 1943 dutzendweise französische Kriegsgefangene in die Freiheit. Laut späterer Aussage seiner Verbündeten haßte er die Deutschen und genoß wegen seiner Intelligenz, Bildung und seinem Wagemut bei den anderen französischen Bahnarbeitern großes Ansehen. Mittelpunkt seiner Fluchthilfeaktivitäten war die Bahnhofskantine in Laim: Dort hielt er den Kontakt zu den Fluchtwilligen und warb Helfer an. Die Fluchtwilligen mußten sich im Waschraum der Kantine verstecken, bis Montuelle geeignete Güterwaggons ausfindig gemacht hatte, die nach Frankreich fahren sollten. Seine Helfer erbrachen die Plomben an den Waggons und plombierten sie wieder, nachdem sie die Fluchtwilligen darin versteckt hatten. Montuelle gelang es, Ende 1943 selbst zu fliehen; doch seine Kameraden wurden im Dezember von einer Französin, die in der Kantine arbeitete, denunziert. Das Oberlandesgericht München verurteilte sie zum Tode, das Urteil wurde jedoch wegen des Kriegsendes nicht mehr vollstreckt.

Eine ähnliche Fluchthilfeorganisation gab es im Sommer und Herbst 1943 beim Postamt 3 an der Bayerstraße: Französische Postarbeiter versteckten dort Kriegsgefangene in Eisenbahnwaggons, die mit Feldpostsendungen nach Paris gingen. Ihnen dienten das nahegelegene Gasthaus "Russischer Hof" und andere Gasthäuser als Kontaktstellen.

Es ist zu vermuten, daß auch die Résistance - die nationale französische Widerstandsorganisation, die gegen die deutsche Besatzung kämpfte - in Fluchthilfeunternehmen verwickelt war. Im Mai 1942 meldete sich der Arbeiter Louis Antoine Prax freiwillig zum "Reichseinsatz" nach Deutschland - und dies, nachdem er gerade acht Monate wegen Herstellung von antideutschen Flugblättern und Urkundenfälschung in dem mit Deutschland verbündeten Vichy-Frankreich im Gefängnis gesessen hatte. Offenbar kam er im Auftrag der Résistance nach München, um sich hier als Fluchthelfer zu betätigen. Als Hilfsschlosser bei BMW in Allach gelang es ihm, eine Reihe von französischen Kriegsgefangenen zu befreien. Verhaftet wurde er schließlich, nachdem er mit gefälschten Formularen, Stempeln, Unterschriftenfaksimiles, Druckerschwärze und Paßbildern von Fluchtwilligen aus einem Frankreich-Urlaub zurückgekommen war. Französische Kollegen, die wohl systematisch als Polizeispitzel arbeiteten, hatten ihn denunziert. Prax wurde zu drei Jahren und sechs Monaten Zuchthaus verurteilt.

Widerstandsorganisationen der Kriegsgefangenen und Zwangsarbeiter

In wie vielen und in welchen Kriegsgefangenenlagern es aktive politische Widerstandsorganisationen gab, ist nicht mehr festzustellen. Mehrere Hinweise deuten auf die starke Präsenz der Résistance in den französischen Lagern hin, allerdings ist praktisch kein Aktenmaterial dazu überliefert: Die Lager der Kriegsgefangenen unterstanden der Wehrmacht und waren in der Regel dem Zugriff der zivilen Gerichte entzogen. Da die Akten der Wehrmachtsgerichte jedoch zerstört oder verstreut sind, lassen sich konkrete Fälle von Widerstandshandeln kaum rekonstruieren. Nur die Zeitzeugenberichte lassen ahnen, wie aktiv die Résistance in den Münchner französischen Kriegsgefangenenlagern war: Franz Geiger , während des Krieges Französischdolmetscher in verschiedenen Lagern, erzählt von einem gut funktionierenden Organisationsnetz, das auch mit Deutschen kooperierte. Laut Zeitzeugenberichten arbeitete die "Freiheitsaktion Bayern" (FAB) eng mit Angehörigen der Résistance zusammen: Der in die Pläne der FAB verwickelte Mitarbeiter des Instituts für Luftfahrtmedizin Robert von Werz bildete zusammen mit seiner Frau eine eigene Widerstandsgruppe um das Stammlager Moosburg, der sowohl Mitglieder der Dolmetscherkompanie als auch Persönlichkeiten der Résistance angehörten. Im April 1945 befreiten sie den französischen Agenten Jean Miremont aus dem Lager und versteckten ihn mit Fremdarbeiterpapieren getarnt in einer Autofirma. Miremont übermittelte den Alliierten einen Funkspruch, der sie von dem bevorstehenden Aufstand informierte und um schnelle Hilfe sowie um eine Einstellung der Bombenangriffe bat.

Anfang 1943 wurden bei einer Gruppe von italienischen Zivilarbeitern in einem Zivilarbeiterlager kommunistische Zeitschriften sowie Flugblätter gefunden, die die Titel ''Deutsche Soldaten'' und ''Hoch Stalin'' trugen. Bei den Vernehmungen stellte sich heraus, daß die Italiener in den 20er Jahren aus dem faschistischen Italien nach Frankreich emigriert waren und sich dort der kommunistischen Partei angeschlossen hatten. Nachdem sie in Spanien gegen Franco gekämpft hatten, ließen sie sich zum Arbeitseinsatz nach Deutschland anwerben, um hier für den Kommunismus zu werben. Zu diesem Zweck wollten sie auch die bei ihnen gefundenen Flugblätter verteilen. Die deutschen Behörden hatten eigentlich vor, die Gruppe ins verbündete Italien abzuschieben, damit sie in ihrer Heimat abgeurteilt würden. Der Abfall Italiens vom nationalsozialistischen Deutschland im Sommer 1943 machte diese Pläne zunichte. Im Konzentrationslager Dachau warteten die Italiener auf ihre Verurteilung. Wegen des Kriegsendes kam es jedoch nicht mehr zur Gerichtsverhandlung.

Weit mehr als die westeuropäischen Widerstandsgruppen fürchteten die nationalsozialistischen Behörden den bolschewistisch-revolutionären Widerstand aus den russischen Kriegsgefangenenlagern. Daher waren diese dem Zugriff der Gestapo ausgesetzt. Auf Befehl Reinhard Heydrichs wurden im Sommer und Herbst 1941 in den sowjetischen Kriegsgefangenenlagern Säuberungsaktionen gegen "Politruks und Bolschewisten" durchgeführt; circa 500 Verdächtige wurden gegen den massiven Protest der Wehrmachtstellen auf dem Schießplatz des KZ Dachau ermordet. Trotz des Terrors bemalten zwei russische Arbeiter Ende 1943 Hauswände mit Hammer und Sichel, und späteren Berichten zufolge wurde von vielen jede Gelegenheit zur Sabotage der Kriegsproduktion genutzt:

"Wir fertigten Ausschuß, verteilten Flugblätter in der Stadt und an der Arbeitsstelle unter Kriegsgefangenen. In die Schmiermittel und die Buchsen der fabrikneuen Lokomotiven schütteten wir Sand und Metallspäne. Während der Luftangriffe auf München schnitten wir Transmissionsriemen der Werkbänke durch."

Weit über Bayern hinaus konnte sich eine große Widerstandsgruppe sowjetischer Kriegsgefangener und "Ostarbeiter" organisieren: die "Brüderliche Zusammenarbeit der Kriegsgefangenen" (BSW - "Bratskoje Sotrudnitschestwo Wojennopleniich"). Die Anfänge der BSW gingen auf den Juden deutscher Abstammung Josef Feldmann zurück. Feldmann war im Juni 1941 als Offizier der Roten Armee in Kriegsgefangenschaft geraten. Er hatte seine jüdisch-deutsche Identität verheimlichen und sich als Ukrainer ausgeben können. In München wurde er aufgrund seiner Sprachkenntnisse in verschiedenen Lagern als Dolmetscher eingesetzt, wo er zahlreiche Kontakte knüpfte. Es gelang ihm, zu fliehen und sich in Moskau beim Zentralkommitee der Kommunistischen Partei zu melden. Dort erhielt er im Mai 1942 den Auftrag, sich freiwillig als "Ostarbeiter" nach Deutschland zu begeben und eine Geheimorganisation aufzubauen. Feldmann kam unter falschem Namen wieder nach München. Er trat in Verbindung mit russischen Offizieren im Stammlager VII an der Schwanseestraße in Giesing. Gemeinsam arbeiteten sie im Frühjahr 1943 ein Programm aus, das die Ziele der BSW definierte: Die Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter sollten organisiert und bewaffnet werden, um zu einem geeigneten Zeitpunkt die NS-Regierung zu stürzen und den alliierten Armeen zu Hilfe zu eilen. Man wollte eine Flakstellung besetzen und entwaffnen und dann in München wichtige Gebäude wie die Hauptpost erobern. Zunächst sollten Sabotageakte in den Rüstungsbetrieben die Wehrkraft der Deutschen schwächen. Verräter in den eigenen Reihen plante man auszuschalten und strenge Disziplin zu wahren. Militärische Informationen sollten weitergegeben und verbreitet werden. Im Lager Schwanseestraße wurden ein Lagerkommitee gegründet und einzelne Barackenbeauftragte ernannt. Die Bildung eines "Vereinigten Rates" mit Vertretern von Kommitees verschiedener Nationalitäten war vorgesehen. An der Spitze der Organisation standen Iwan Korbukow, Wassilij Winitschenko , Nikolai Plachotnjuk und Alexander Batowski. Um das Programm der BSW auch unter den Zivilarbeitern zu verbreiten, flüchtete eine Reihe von Offizieren. Bald erstreckte sich die BSW über zahlreiche Kriegsgefangenen- und "Ostarbeiter"-Lager in München. Eine sehr aktive Gruppe russischer "Ostarbeiterinnen" übernahm die Kurierdienste zwischen den Lagern. Auch in anderen Teilen des Reiches, vor allem im Südwesten, konnte sich die Organisation ausbreiten. Mitglieder wurden nicht immer nur auf freiwilliger Basis gewonnen: Wer sich nicht beteiligte, dem wurde gedroht, daß er nach dem Sieg der Roten Armee liquidiert würde. Im Juli 1943 gelang der BSW ein Kontakt zu einer deutschen Widerstandsgruppe: der "Antinazistischen Deutschen Volksfront" um das Ehepaar Hutzelmann und Karl Zimmet. Von nun an arbeiteten die beiden Organisationen eng zusammen: In der Wohnung der Hutzelmanns hörten die Kriegsgefangenen den Moskauer Sender, in Zimmets Wohnung stand ein selbstgebauter Kurzwellensender, mit Hilfe dessen die BSW Kontakt zu den Gruppen in anderen Städten hielt. Als Dolmetscher und Verbindungsmann fungierte der Tscheche Karl Mervat. Gemeinsam machte man Pläne für einen bewaffneten Aufstand. Später, in den Gestapo-Vernehmungen, ließen allerdings Mitglieder der BSW durchblicken, daß sie bei einem Gelingen des Unternehmens die Deutschen sofort ausgeschaltet hätten. Im November 1943 wurde die ganze Organisation ausgehoben: Bei einer "Ostarbeiterin" hatte die Polizei einen verdächtigen Brief gefunden und daraufhin die Lager mit Spionen und Spitzeln durchsetzt. Über 400 Personen wurden im Laufe der nächsten Wochen festgenommen und bei den Vernehmungen oft grausam gefoltert. Allein am 4. September 1944 wurden im KZ Dachau 92 russische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter erschossen.


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last modified: 1998/08/24
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