Resistenz der katholischen Kirche

Die katholische Kirche war in München eine sehr mächtige Institution und stark in der Bevölkerung verwurzelt. 80 Prozent aller Münchnerinnen und Münchner hingen dem katholischen Bekenntnis an. Für ihre Seelsorge standen circa 280 Priester, Kapläne und Diakone in 62 Pfarreien zur Verfügung.

Bis zur "Machtergreifung" verhielten sich die meisten Repräsentanten der katholischen Kirche dem Nationalsozialismus gegenüber ablehnend. Diese Ablehnung bestand allerdings ebenso gegenüber den anderen "gottlosen" politischen Bewegungen der Zeit: Auch der Liberalismus und vor allem der Sozialismus wurden als mit christlicher Weltanschauung unvereinbare Häresie gebrandmarkt. Gleichzeitig fürchtete die Kirche seit Bismarcks Kulturkampf, aus Deutschland ausgegrenzt und als antinational abgestempelt zu werden. Deshalb fand sie sich durchaus dazu bereit, die Regierung der "nationalen Erhebung" anzuerkennen, solange diese nur ihre kirchen- und religionsfeindlichen Angriffe unterließ. Man berief sich dabei auf die Lehre des Apostel Paulus, nach der in weltlichen Dingen der "gottgegebenen Obrigkeit" unbedingt zu gehorchen sei. Als sich Hitler in seiner Regierungserklärung zu einem "positiven Christentum" bekannte, schien einer Zusammenarbeit nichts mehr im Wege zu stehen. Wie brüchig dieser Frieden war, zeigte der Münchner Erste Deutsche Gesellentag im Juni 1933: Als Bekenntnis der katholischen Kolpingvereine zum "neuen Reich" inszeniert, diente er dem bekanntermaßen kirchenfeindlichen Polizeipräsidenten Heinrich Himmler und seinem Stellvertreter Reinhard Heydrich zum Anlaß für eine erste Machtprobe. Vor den Augen der Polizei bespuckten, beraubten und verprügelten Tausende von Hitlerjungen und Angehörigen der SA die Tagungsteilnehmer. Schließlich mußte die Tagung abgebrochen werden, und die über 20 000 Gesellen aus ganz Deutschland reisten unverrichteter Dinge wieder ab.

Mit großen Hoffnungen bedachte die Kirche das Konkordat, das am 20. Juli 1933 zwischen dem Vatikan und der nationalsozialistischen Regierung abgeschlossen wurde. Es sollte die Belange der katholischen Kirche dauerhaft schützen und den Weiterbestand der katholischen Vereine und der konfessionell gebundenen sogenannten Bekenntnisschulen garantieren. Die Kirche mußte dafür versprechen, sich ganz aus dem politischen Bereich zurückzuziehen. Der Nationalsozialismus erhielt durch das Konkordat eine große innen- und außenpolitische Aufwertung. In der Rückschau mag das Konkordat als ein "Pakt mit dem Teufel" erscheinen, doch hatte es damals immerhin den Wert, eine gesetzliche Grundlage zu bilden, auf die sich der kirchliche Widerstand in den späteren Jahren immer wieder berufen konnte. Die inoffizielle Formel, auf die man sich geeinigt hatte - daß nämlich der Staat sich nicht in die Belange der Kirche, und die Kirche sich nicht in die Belange des Staates einmischen würde -, interpretierte das NS-Regime jedoch zunehmend so, daß die Kirche ganz aus dem öffentlichen Leben zu verschwinden habe. In einem ständigen Kleinkrieg versuchte das NS-Regime nun, die Kirche mit Verboten und Verordnungen aus der Jugend- und Vereinsarbeit, aus den Schulen und aus dem Pressewesen hinauszudrängen. In der Großstadt München war dies wesentlich einfacher als auf dem bayerischen Hinterland, wo die Kirche traditionell noch mehr Rückhalt in der Bevölkerung besaß.

Die katholische Kirche im Kirchenkampf

Vor allem die kirchlichen Jugendorganisationen waren dem nationalsozialistischen Regime ein Dorn im Auge. Mit ihren umfangreichen Freizeitprogrammen - Wanderungen, Heimabenden, Sonnwendfeuern, Sport und Spiel - stellten sie eine attraktive Konkurrenz zur Hitlerjugend dar. Bereits im April 1934 verbot die Münchner Polizeidirektion das Tragen von Uniformen und Abzeichen. Im Mai wurden mehrere Angehörige katholischer Jugendorganisationen von der Polizei vernommen, weil sie sich in Uniform auf der Straße hatten blicken lassen. An Fronleichnam mußten die katholischen Jugendlichen erstmals ohne ihre Banner und Wimpel an den Prozessionen teilnehmen. Damit man sie trotzdem in der Menge erkannte, zimmerten sich die Mitglieder des "Jüngerenbund Neudeutschland" ein großes Holzkreuz, das sie blumengeschmückt auf der Prozession durch die Innenstadt vor sich hertrugen. Das Kreuz wurde von der Polizei beschlagnahmt und erst nach Tagen wieder freigegeben. Der Brauch, Holzkreuze auf den Prozessionen mitzuführen, scheint sich aber in den nächsten Jahren auch bei anderen Jugendgruppen in München durchgesetzt zu haben.

Häufig kam es zu Schlägereien zwischen Hitlerjungen und katholischen Jugendlichen. Im Juli 1934 wurde in Haar der katholische Jugendverband verboten, weil seine Mitglieder einige Hitlerjungen als "braune Pest" beschimpft und auf ihren Hitlergruß erwidert hatten: "Laßt doch den Krampf!". Einen Monat später gerieten Mitglieder des "Bundes Neudeutschland" und Hitlerjungen anläßlich einer Filmvorführung in den Isartor-Lichtspielen aneinander: Der Film zeigte die "Neudeutschen" einheitlich gekleidet und Wimpel tragend bei einer Gebirgswanderung; er wurde umgehend abgesetzt. Nach langen Auseinandersetzungen erfolgte im Januar 1938 schließlich das endgültige Verbot der katholischen Jugendorganisationen in Bayern: Ihre "staatsfeindliche Betätigung" sei angeblich "erwiesen". Das Verbot betraf außer den katholischen Jungmännervereinen und Jungfrauenkongregationen und dem "Bund Neudeutschland" auch die katholischen Arbeitervereine, die Burschenvereine, die Gesellenvereine, Dienstmädchenvereine, Müttervereine, Bruderschaften und andere Gruppen. Die Reaktion der bayerischen Bischöfe in ihrem Hirtenwort vom 6. Februar 1938 war charakteristisch:

"Wir erheben Einspruch dagegen, daß man unter Berufung auf diese Verordnung (vom 28. Februar 33 'zur Abwehr kommunistischer, staatsgefährdender Gewaltakte', Anm. d. Verf.) kirchliche Vereine auflöst und verbietet, die nicht kommunistisch, sondern christlich sind, die nicht staatsgefährdend, sondern staatsbejahend sind, die nicht Gewaltakte planen, sondern bestehende Obrigkeiten anerkennen."

Von nun an konnten die Jugendlichen eigentlich nur noch betend in der Kirche zusammen sein. Selbst gemeinschaftliche Besuche bei ihrem Pfarrer wurden von der Gestapo mißtrauisch beäugt. Manche der verbotenen Gruppen versteckten ihre Wimpel, Chroniken und Akten mit Erlaubnis der Pfarrer hinter Altären in den Kirchen, wo sie in einem überlieferten Fall sogar den Krieg überstanden. Viele Gruppen gliederten sich in die noch existierenden Pfarrjugenden ein. Mitgliedern des "Älterenbundes Neudeutschland" gelang es, ihre Gemeinschaft dadurch aufrecht zu erhalten, daß sie sie als entkonfessionalisierten "Singkreis München-Nord" tarnten. Um die Tarnung abzusichern, öffneten sie sich sogar für Mädchen und Protestanten: ein unbeabsichtigter ökumenischer Effekt.

Am erbittertsten führte die Kirche den Kampf um die konfessionellen "Bekenntnisschulen". Seit 1935 versuchte der Nationalsozialismus, diese entgegen den Bestimmungen des Konkordats durch entkonfessionalisierte und nationalsozialistische "Gemeinschaftsschulen" zu ersetzen. Die Bekenntnisschulen durften nicht öffentlich für sich werben, während das Schulamt und die Parteistellen mit skrupellosen Methoden Druck auf die Eltern ausübten, ihre Kinder in die Gemeinschaftsschulen einzuschreiben. Nach einem Bericht der Polizeidirektion München wurden im Februar 1935 Flugblätter von katholischen Elternvereinigungen sichergestellt; zwei Lehrerinnen kamen sogar in "Schutzhaft", weil sie für die Bekenntnisschule geworben hatten. Obwohl die kirchlichen Behörden sich hier über Jahre hinweg mit aller Energie einsetzten und in Kanzelverkündigungen und Seelsorgebriefen an die Bevölkerung appellierten, war ihnen kein Erfolg beschieden: Gingen 1934 noch 84 Prozent aller neu eingeschulten Kinder auf konfessionelle Schulen, so waren es vier Jahre später nur noch vier Prozent.

Mehr Unterstützung von den Eltern erhielt die Kirche, als 1936 Hunderte von Ordensleuten - vor allem Klosterschwestern - aus dem Schuldienst entlassen werden sollten. Das Schicksal der Schulschwestern, die ohne Altersversorgung oder Abfindungen ihre Stellung verloren, rührte die Menschen offenbar mehr als das Thema Bekenntnisschule. Am 28. Juni wurden in ganz Bayern Unterschriftensammlungen durchgeführt, die die Beibehaltung der klösterlichen Lehrkräfte forderten. In München sprachen sich in der Maria-Ward-Straße 85 Prozent der Eltern, in der Kistlerstraße 100 Prozent, am Mariahilfsplatz 89 Prozent und in Perlach immerhin noch 79 Prozent der Eltern für die Schulschwestern aus. Außerdem richteten manche Eltern spontane Bittschriften an nationalsozialistische Größen. All diese Proteste blieben jedoch wirkungslos.

Während die katholische Kirche im Kampf um ihre Rechte in den 30er Jahren einen Rückschlag nach dem anderen einstecken mußte, konnte sie seit Kriegsbeginn zunehmend Erfolge für sich verbuchen: Das NS-Regime wollte es auf keine Kraftproben mehr ankommen lassen, um nicht die für den Krieg dringend benötigten Sympathien der Bevölkerung zu verscherzen. Am spektakulärsten siegte die Kirche im Konflikt um den "Kruzifix-Erlaß", mit dem der Innen- und Kultusminister Adolf Wagner im Sommer 1941 anordnete, alle Schulkreuze aus den Klassenzimmern zu entfernen. Vor allem auf dem Land, aber auch in München kam es zu tumultartigen Protesten. Frauen demonstrierten vor den Schulen. In der Gebeleschule zum Beispiel drängten circa 30 Mütter in der Pause in die Klassenzimmer und hängten dort Kreuze auf, die sie selbst mitgebracht hatten. Pfarrer brandmarkten von der Kanzel herab den Erlaß als Gotteslästerung, wie der Oberhachinger Pfarrer Ludwig Huber, der "in aufreizender Form" angekündigt hatte: "Als Sühne für diese zugefügte Schmach findet am Nachmittag eine Sühneandacht statt". Sogar nationalsozialistische Parteigenossen schlossen sich den Protesten an. Schließlich mußte die ganze Aktion mit einem geheimen Stopp-Erlaß rückgängig gemacht werden. Zähneknirschend verschoben die Nationalsozialisten die Auseinandersetzung auf die Zeit nach dem "Endsieg".

Doch das Ziel der nationalsozialistischen Kirchenpolitik, die Kirche aus dem öffentlichen Leben zu entfernen, war Ende der 30er Jahre weitgehend erreicht. Nur mehr auf den Fronleichnamsprozessionen und bei den Sammlungen für die Caritas konnte die Kirche ihre Präsenz in der Öffentlichkeit zeigen. Immerhin circa 17 000 Münchnerinnen und Münchner nahmen noch in Kriegszeiten an den Fronleichnamsprozessionen teil. Wer auf der Straße für die Caritas spendete, demonstrierte damit, daß er mit dem nationalsozialistischen "Winterhilfswerk" nicht einverstanden war. Häufig wurden die Sammler und Spender von nationalsozialistischen Passanten angegriffen. Am 18. Mai 1935 kam es am Karlsplatz, am Hauptbahnhof und in der Neuhauser Straße zu regelrechten Ausschreitungen. Die aufgewiegelte Menschenmenge forderte in Sprechchören ein Verbot der Sammlung. Es wurde gegen Mittag ausgesprochen - angeblich um die Sammler zu schützen.

Gezwungenermaßen zog sich die Kirche immer mehr in die bloße Gemeindeseelsorge zurück. Doch auch dort war sie ständigen Repressionen ausgesetzt. Der Religionsunterricht, die Predigten und die Gemeindearbeit wurden scharf überwacht. Seit 1938 berichtete die Gestapoleitstelle München regelmäßig über das Verhalten der Priester. Von den circa 280 Seelsorgegeistlichen in München mußten, den Umfragen zufolge, die nach dem Krieg unter den Priestern durchgeführt wurden, circa 180, also fast 65 Prozent, irgendwelche Verfolgungsmaßnahmen über sich ergehen lassen. Die meisten dieser Priester hatten gar nicht die Absicht, sich oppositionell zu betätigen. Die NS-Behörden fanden in ihrer religiösen Arbeit Vorwände genug, um sie mit Verwarnungen, Verhören, Reiseverboten, Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen zu überziehen. Häufig kamen Priester ganz unabsichtlich in Konflikt mit dem Regime, wenn sie beispielsweise mit ihrer Pfarrjugend einen Ausflug unternahmen (verbotene Jugendarbeit) oder unangemeldet einen Frauenabend veranstalteten (verbotene Versammlung). 1936 starteten die NS-Behörden und die nationalsozialistische Presse eine großangelegte Kampagne gegen Devisenvergehen und Sittlichkeitsverbrechen, die angeblich in großer Zahl von katholischen Priestern begangen worden seien.

Doch viele Pfarrer bewiesen, daß sie sich auf der Kanzel den Mund nicht verbieten lassen wollten, und nahmen dafür Strafanzeigen wegen "Kanzelmißbrauchs" oder "Verstoßes gegen das Heimtücke-Gesetz" auf sich. Ungefähr 20 Prozent aller Münchner Seelsorger galten den Nazis als wirklich mißliebig: 14 Geistliche wurden mit einem Unterrichtsverbot belegt, fünf mit einem Schreibverbot, vier wurden zwangsversetzt, sieben einige Tage inhaftiert, immerhin 18 waren mehrere Wochen oder Monate in Gefängnissen, sieben waren im KZ Dachau, und zwei (Alfred Delp und Hermann Wehrle) wurden wegen ihrer Involvierung im politischen Widerstand zum Tode verurteilt.

Jenseits der Verfolgung durch den NS-Staat befand sich die Kirche in einem zermürbenden Kleinkrieg mit nationalsozialistischen Parteiorganisationen. Vor allem die Hitlerjugend setzte den Priestern mit Drohbriefen zu, warf Kirchenfenster ein oder hinderte ihre katholischen Mitglieder daran, an Gottesdiensten teilzunehmen, indem sie Pflichtdienste auf den Sonntag legte.

Die katholische Kirche als Institution fand nur selten Worte, um auch jenseits der eigenen Interessen die Rechtsbrüche und Menschenrechtsverletzungen des NS-Regimes anzuprangern. Die Verfolgung der Kommunisten und Sozialdemokraten wurde zum Teil sogar begrüßt. Mit der Judenverfolgung war man zwar nicht einverstanden, wagte aber aufgrund der eigenen prekären Situation in der Regel nicht, dagegen zu protestieren. Immerhin fiel den nationalsozialistischen Behörden auf, daß das katholische Milieu in München und Bayern in der "Judenfrage" resistent war. 1934 hieß es in einem Lagebericht: "Gegen diese (judenfeindlichen, Anm. d. Verf.) Maßnahmen wird von katholischer Seite zwar nicht offen Stellung genommen, aber aus zahlreichen Äußerungen geht deutlich die Sympathie für das Judentum hervor", und im Dezember 1938: "Nur die von der Kirche beeinflußten Kreise gehen in der Judenfrage noch nicht mit."

In ihrer Haltung zum nationalsozialistischen Krieg verhielt sich die Kirche ambivalent. Einerseits hätten die meisten Kirchenangehörigen wohl den Frieden vorgezogen. Andererseits teilte man den Irrtum weiter konservativer Kreise, daß der Krieg eine "nationale Aufgabe" sei und auch unter großen Opfern durchgefochten werden müsse. Man verschloß sich der Tatsache, daß der Krieg schließlich von Hitler mit schweren völkerrechtlichen Verstößen angefangen worden war, und interpretierte ihn lieber metaphysisch als Strafe und Sühne für die Sünden der Menschen. Kardinal Michael Faulhaber empfahl den Priesterkandidaten und Geistlichen an der Kriegsfront folgende Überlegung: "Ich helfe mit, einen Plan Gottes zu verwirklichen, wenn ich auch diesen Plan nicht durchschaue". Die dienstlichen Hinweise des Ordinariats an den Klerus berichteten bis zum Kriegsende über den "Heldentod" von Priestern, die "in strengster Erfüllung ihrer Pflichten" gefallen seien. Noch im November 1944 schrieb der Regens des erzbischöflichen Priesterseminars an die Eltern der Priesterkandidaten, die an der Front standen:

"Nun gehört Ihr Sohn auch zu den vielen Priestertumskandidaten, die dem Ruf des Vaterlandes Folge leisteten und die schützende Geborgenheit des Seminarlebens mit der Unrast und Gefahr des Soldatenlebens vertauscht haben. (...); die Jugend, auch die theologische weiß, wozu sie opferbereit alle Kampfesnot auf sich nimmt: Es gilt ihr, das Vaterland zu verteidigen, die Heimat von Vater und Mutter, die deutsche und bayerische Erde, die mit dem Schweiß und Blut der Besten getränkt ist; es gilt ihr heute, die christlich europäische Kultur gegen die Weltgefahr des Bolschewismus zu schirmen."

Einzelne Repräsentanten des Ordinariats

Für die zwiespältige Haltung des bayerischen Katholizismus zum Nationalsozialismus repräsentativ und zugleich mitverantwortlich war der Erzbischof des Erzbistums München-Freising, Kardinal Michael von Faulhaber . Er bestimmte im wesentlichen, welche Maßnahmen des NS-Regimes die Kirche einfach hinnahm oder sogar begrüßte, und gegen welche sie Protest einlegte. Seine Autorität war so groß, daß sich die Nationalsozialisten letztlich nicht an seine Person heranwagten.

Faulhaber hatte sich nie mit der Weimarer Republik abgefunden. Er betrachtete sie als eine illegitime, der "bolschewistischen" Revolution entsprungene Staatsform. Von dem nationalsozialistischen Regime erhoffte er sich, daß es endlich mit dem ihm so verhaßten Sozialismus aufräumen und Frieden mit der Kirche schließen würde. Auch als sich herausstellte, daß dieser Frieden nur ein Scheinfrieden gewesen war, kündigte er dem Regime letztlich nie den politischen Gehorsam auf. Bis in die letzten Kriegswochen war er bereit, Adolf Hitler als "gottgesetzte Obrigkeit" und Verkörperung des Staates zu respektieren.

Gleichzeitig jedoch kämpfte er immer wieder mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln für die Belange der Kirche und für das "Sittengesetz", als dessen Verkünderin sich die Kirche verstand. So verteidigte er in seinen Adventspredigten 1933 das Alte Testament und das vorchristliche Judentum gegen den nationalsozialistischen Rassenwahn - in aller Vorsicht, da er dem Regime keinen Vorwand bieten wollte, die "Judenhetze" in eine "Jesuitenhetze" umzuwandeln. Zum Palmsonntag 1937 verfaßte er den Entwurf für die päpstliche Enzyklika "Mit brennender Sorge", deren bereits gedruckte Exemplare von der Gestapo beschlagnahmt wurden.

Im Jahr 1938 versuchten die NS-Behörden, massiv gegen Faulhaber vorzugehen. Am 3. März wurde er angezeigt, weil er in einer Predigt gesagt hatte: "Wir schaudern, wenn wir in deutschen Zeitungen auf fast jeder Seite furchtbare Gotteslästerungen lesen. Im Geiste sehen wir, wie die Engel der Apokalypse bereit stehen", und die "anwesenden nationalsozialistischen Spione" dazu aufforderte, "ihre Meldung der Wahrheit gemäß ohne Entstellung zu erstatten". Bereits zwei Wochen später erhielt er eine neue Anzeige: In einem Fastenhirtenbrief hatte er dazu geraten, die nationalsozialistischen Zeitungen nicht mehr zu lesen. Ende des Jahres kam die dritte Anzeige: Er hatte in einer Predigt bedauert, daß im KZ Dachau keine Gottesdienste mehr gehalten werden durften. Doch schließlich gaben die Nationalsozialisten auf und stellten die Verfahren ein, weil "ein Einschreiten gegen den Kardinal Faulhaber keinen sicheren Erfolg verspricht!"

Faulhabers rechte Hand im Kirchenkampf war der Domkapitular Johannes Neuhäusler : Als Leiter der Öffentlichkeitsarbeit der Erzdiözese focht dieser einen ständigen Kleinkrieg mit den NS-Behörden, um die kirchlichen Interessen zu schützen und durchzusetzen. Obwohl Neuhäusler es sorgfältigst vermied, politisch gegen das Regime Stellung zu nehmen, wurde er Anfang 1941 verhaftet und bis zum Kriegsende im KZ Dachau als Sonderhäftling festgehalten. Gleichzeitig begann Faulhaber, die Spielräume, die er als offenbar unantastbare Person hatte, verstärkt zu nutzen: So unterstützte er 1941 tatkräftig den "Novemberhirtenbrief", in dem die Kirche auch für den nichtchristlichen Teil Deutschlands die Einhaltung der Menschenrechte einforderte. Die Verlesung dieses Hirtenbriefs scheiterte dann allerdings an dem Veto des Vorsitzenden der deutschen Bischöfe. Im März 1942 verlas Faulhaber im Alleingang einen weiteren Hirtenbrief-Entwurf, der mit den nationalsozialistischen Menschenrechtsverletzungen scharf ins Gericht ging und vor allem die "Euthanasie"-Morde an den Behinderten heftig kritisierte:

"Mit tiefem Erschrecken hat das christlich-deutsche Volk es vernommen, daß auf Anordnung staatlicher Stellen zahlreiche geisteskranke Menschen, die den Heil- und Pflegeanstalten anvertraut waren, als sogenannte unproduktive Volksgenossen ums Leben gebracht sind. (...) Wir deutschen Bischöfe werden nicht nachlassen, gegen die Tötung Unschuldiger Verwahrung einzulegen. Wir legen größten Wert darauf, nicht nur für die religiösen und kirchlichen Rechte an zuständiger Stelle einzutreten, sondern auch für die allgemein-menschlichen gottverliehenen Rechte des Menschen. An der Achtung und Erhaltung auch dieser Rechte ist jeder ehrenhafte Mensch interessiert; ohne sie muß die ganze abendländische Kultur zusammenbrechen. (...) Wir deutschen Bischöfe protestieren gegen jede Mißachtung der persönlichen Freiheit. Wir verlangen gerichtliche Nachprüfung aller Strafmaßnahmen und Freilassung aller Volksgenossen, die ohne Nachweis einer mit Freiheitsberaubung bedrohten Straftat ihrer Freiheit beraubt sind."

Im April 1943 legte Faulhaber gegen den Massenmord an den europäischen Juden Protest ein. Wahrscheinlich war er in die Arbeit der konservativen Widerstandskreise, die sich seit Ende der 30er Jahre gebildet hatten, zumindest teilweise eingeweiht. Dennoch sah er in dem gescheiterten Attentat des 20. Juli 1944 nicht mehr als einen gemeinen Mordanschlag. Seine unbedingte Staatsgläubigkeit hinderte ihn bis zum Schluß daran, dem NS-Regime die politische Loyalität zu verweigern.

Einer der mutigsten und kompromißlosesten Männer im Ordinariat war Michael Höck, der Chefredakteur der "Münchner Katholischen Kirchenzeitung" (MKKZ). Da die gesamte katholische Tagespresse nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" zerschlagen worden war, hatte die MKKZ, seit 1935 zum Bistumsblatt umgewandelt, ihre Funktionen übernehmen müssen. Obwohl die Zeitung von der Gestapo streng überwacht wurde, reizte Höck alle publizistischen Möglichkeiten aus, um die Kirchenfeindlichkeit und Gottlosigkeit des Regimes wenigstens indirekt zu kritisieren. Die gewundenen und umständlichen sprachlichen Formen, die damals die konservativ-katholische Literatur beherrschten, halfen, diese Kritik zu tarnen und zu verstecken. So konnte der eingeweihte Leser in einem stilisierten Vater-Sohn-Gespräch unter dem Titel "Wem gehörst Du?" eine Zurückweisung des verabsolutierten Nationalismus erkennen:

"Frage: Mein Sohn, gehörst du Deutschland?

Antwort: Ja, Vater.

Frage: Mein Sohn, gehörst du der Kirche?

Antwort: Ja, Vater.

Frage: Aber niemand kann zwei Herren dienen. Wem gehörst du also?

Antwort: Wem ich gehöre, Deutschland oder der Kirche?...

Zwischenfrage: Wem gehört Deutschland?

Antwort: Deutschland muß Christus gehören.

Zwischenfrage: Wem gehört die Kirche?

Antwort: Die Kirche gehört Christus.

Frage: Wem gehörst du also?

Antwort: Vater, mein Herr ist Christus."

Oft genug wurde die MKKZ wegen solcher Artikel von der Polizei beschlagnahmt. Der Konfrontationskurs, den Höck gegenüber dem nationalsozialistischen Regime fuhr, schien offenbar für die Kirchenleitung bald nicht mehr tragbar. Seit 1936 wurde er aus der Schriftleitung verdrängt, 1937 verschwand er ganz aus dem Impressum. Doch auch später in seiner Arbeit als einfacher Priester legte sich Höck immer wieder mit dem Regime an. Zu Beginn des Krieges wurde er inhaftiert und angeklagt, weil er in einer Predigt den Krieg als "Strafe Gottes für den Abfall vom Glauben" bezeichnet hatte. Die Anklageschrift warf ihm außerdem vor:

"Weiter verglich er das Deutsche Volk mit dem jüdischen, das er bei seiner Vernehmung bei der Geheimen Staatspolizei noch als das 'auserwählte' bezeichnete, und das Gott wegen Bruch seines Gelöbnisses heimsuche. Ganz abgesehen davon, daß es dem deutschen Empfinden widerstrebend bezeichnet und für einen Deutschen schimpflich erachtet werden muß, wenn er mit einem Juden auf eine Stufe gestellt wird, muß das Verhalten des Höck als eine Sabotierung des Wehrwillens des Deutschen Volkes und als ein Angriff auf die innere Geschlossenheit des Reiches bezeichnet werden. Durch polizeiliche Erhebungen ist festgestellt, daß Höck schon wiederholt in seinen Predigten versteckte Angriffe auf das nationalsozialistische Deutschland unternommen hat, jedoch bei der Gewandtheit dieses Hetzgeistlichen nur geringe Aussicht auf Bestrafung bestand. Er mußte auch als Schriftleiter der Münchener Katholischen Kirchenzeitung schon wiederholt beanstandet werden."

Die heute äußerst sonderbar anmutenden Thesen, Gott wolle mit dem Krieg die Deutschen und mit der Judenverfolgung die Juden für ihre Sünden bestrafen, waren damals in Kirchenkreisen recht verbreitet.

Im Februar 1940 stellte man das Verfahren gegen Höck auf Weisung des Reichsjustizministers ein. Gut ein Jahr später wurde er jedoch erneut verhaftet: Die Gestapo vermutete in ihm einen Hauptverantwortlichen der Una-Sancta-Bewegung zur Verständigung zwischen Katholiken und Protestanten. Nach wochenlanger Einzelhaft im KZ Sachsenhausen kam er ins KZ Dachau, wo er bis kurz vor Kriegsende als Sonderhäftling festgehalten wurde.

Katholische Priester

Die Speerspitze der Münchner katholischen Kirche im Kirchenkampf war der Jesuitenpater Rupert Mayer. Schon in den 20er Jahren hatte Mayer wegen seiner kämpferischen öffentlichen Auftritte gegen die völkischen Nationalisten ebenso wie gegen die Kommunisten weit über München hinaus Berühmtheit erlangt. Daß er im Ersten Weltkrieg sein rechtes Bein verloren hatte und Veteranen um sich sammelte, verlieh ihm zusätzlich die Aura des Kriegshelden. Nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" nutzte er mit voller Rückendeckung des Kardinals Faulhaber jede Predigt und jedes Gespräch, um in konsequentester Weise seinen Widerstand gegen die Kirchenverfolgung deutlich zu machen. Er berief sich dabei auf das Konkordat und seine Gewissenspflicht als Katholik und Priester; ein politisches Engagement stritt er vehement ab.

Seine Predigten in der Michaelskirche enthielten dringende Appelle an die Gottesdienstbesucher, trotz der widrigen Zeiten der Kirche und dem Glauben treu zu bleiben:

"Die Zeiten sind vorbei, wo wir geglaubt haben, was in der Zeitung steht! Glaubt überhaupt keiner Zeitung, wenn sie sich mit sittlich-religiösen Dingen befaßt! Hört nicht darauf! Lest keine Zeitungen! Und jetzt, wenn ihr hinausgeht, dann möchte ich, daß eine religiöse Welle von der Kirche aus sich auf die Straße ergießt und von der Straße aus in die einzelnen Häuser!"

Einmal ließ er die Kirchenbesucher die drei Teile des Glaubensbekenntnisses einzeln vorsprechen und dann mit erhobenen Schwurfingern darauf schwören, daß sie für ihr Glaubensbekenntnis auch in den Tod gehen würden. Das Redeverbot, das die Gestapo über ihn verhängte, beachtete er nicht. Am 5. Juni 1937 wurde er zum ersten Mal verhaftet. Darauf beteten am nächsten Tag in allen Kirchen Münchens die Katholiken ein Vaterunser für ihn, und 400 Kirchgänger zogen zum Untersuchungsgefängnis in die Ettstraße, wo es zu einer Schlägerei kam. In der Michaelskirche wurden allabendliche Betstunden für Mayer abgehalten. Als das Sondergericht ihn zu sechs Monaten Gefängnis verurteilte, erklärte er, er werde "künftig wie bisher die katholische Kirche, ihre Glaubens- und Sittenlehre gegen alle Angriffe, Anfeindungen und Verleumdungen verteidigen. Das halte ich für mein Recht und meine Pflicht als katholischer Priester." Anfang 1938 wurde er erneut für fünf Monate inhaftiert. Im Juni 1939 erklärte er der Gestapo nochmals schriftlich:

"Ich erkläre, daß ich im Falle meiner Freilassung trotz des gegen mich verhängten Redeverbotes nach wie vor aus grundsätzlichen Erwägungen heraus predigen werde. Ich werde auch weiterhin in der von mir bisher geübten Art und Weise predigen, selbst dann, wenn die staatlichen Behörden, die Polizei und die Gerichte meine Kanzelreden als strafbare Handlungen und als Kanzelmißbrauch bewerten sollten."

Um ihn endgültig auszuschalten, internierten ihn die Nationalsozialisten Ende 1939 im KZ Sachsenhausen. Als sich dort sein Gesundheitszustand dramatisch verschlechterte, stellte man ihn im Kloster Ettal unter Hausarrest - man wollte ihn nicht als Märtyrer sterben lassen. Schwerkrank und isoliert verbrachte er dort die letzten Kriegsjahre. Am 11. Mai 1945 kehrte er unter dem Jubel der Bevölkerung nach München zurück. Nur ein halbes Jahr später brach er während einer Predigt zusammen und starb. 1987 wurde er vom Papst selig gesprochen.

Kein anderer Münchner Priester hatte Rupert Mayers Wirkungskraft. Von den zahlreichen Priestern, die unter Opfern ihren Glauben verteidigten, aber dafür nie eine Ehrung erfuhren, war Pater Anton Körbling vielleicht noch der bekannteste. Auch er ein Jesuit, hatte er nach Mayers Verhaftung dessen Nachfolge in St. Michael angetreten und war schon mehrmals Gestapo-Verhören unterzogen worden. Im Februar 1939 hielt Körbling eine Predigt, die das neutestamentliche Gleichnis vom Sämann auf die Schwierigkeiten bezog, die die gegenwärtige Zeit dem Prediger beim "Säen" von Gottes Wort mache. Der Prediger aber dürfe sich nicht zum Schweigen bringen lassen:

"Sturm erschwert das Schreiten über das Ackerland. Der Bauer bleibt vielleicht an solchen Tagen daheim. Dem Prediger ist der schwere Gang nicht erspart. Es gibt eine Menge von Saatgut, die nach geltenden Gesetzen und Verordnungen nicht mehr angebaut werden sollte, die aber der Herrgott immer noch nicht von seinem Saatplan gestrichen hat. Das gibt notwendigen Konflikt, das wird immer wieder Gefängnis und Predigtverbot geben; wenn einer schweigen muß, wird ein anderer auftreten, und wenn Menschen nicht mehr sprechen können, dann werden die Steine reden. Luk. 20,40. Ob gelegen oder ungelegen, kündige das Wort."

Da er wußte, daß in der Kirche Gestapo-Spitzel anwesend waren, konnte er sich einen Seitenhieb auf diese nicht verkneifen:

"Wende das Wort auf Dich an. Sage nie, heute hat er es ihnen (den Nationalsozialisten, Anm. d. Verf.) aber wieder gesagt; wir predigen nicht für jene, die nicht da sind, auch nicht für den Abgesandten der politischen Polizei, der zufällig da ist. Wir wissen, daß dort für unser Kanzelwort nicht das rechte Erdreich gegeben ist, und daß ein Samenkorn, das auf das Blatt des Beobachters gefallen ist, noch nicht zum Heil aufgegangen ist."

In der Tat führte dieses "Samenkorn" auf dem Papier des Spitzels zu einer Strafanzeige und einem Verfahren gegen Körbling, in dessen Verlauf er zu fünf Monaten Gefängnis wegen "Kanzelmißbrauchs" und "Heimtücke" verurteilt wurde. Körbling hatte zwar eine einflußreiche Fürsprecherin: Seine Tante Hermine Hoffmann, das sogenannte Hitler-Mutterl, war eine alte Freundin des "Führers"; doch ihr Gnadengesuch brachte keinen Erfolg. Trotzdem blieb Körbling die Haft erspart. Inzwischen herrschte Krieg, und man erließ ihm seine Strafe, weil er sich freiwillig an die Front meldete. Schon 1938 hatte Körbling mehrmals um seine Versetzung als Heeresgeistlicher gebeten, denn "es sei sein sehnlichster Wunsch, dem Vaterland mit seinem Leben zu dienen". Anton Körbling gehörte zu den Pfarrern, die zwar mutig die nationalsozialistische Kirchenpolitik von der Kanzel herab angriffen, sich jedoch gleichzeitig für den nationalsozialistischen Krieg begeisterten. Es gab aber auch andere: Priester, die, unbeeindruckt von den Erfolgen der Wehrmacht, bereits in den ersten Kriegsjahren zur Einsicht und zum Frieden mahnten.

Der Kaplan Joseph Greinwald war Religionslehrer an der Wilhelmsschule und tief bestürzt über die Kriegshetze. Als Mitte Oktober 1939 in den deutschen Zeitungen die Kriegspropaganda gegen England auf vollen Touren lief, dachte er sich für seine achte Mädchenklasse eine Unterrichtsstunde über das Thema "Feindesliebe" aus: "Das Hauptgebot des Herrn ist das Gebot der Liebe. Gottes-Liebe, die Nächstenliebe und die Feindesliebe." Anhand der Bergpredigt, der Parabel vom barmherzigen Samariter und dem Gleichnis vom Pharisäer und Zöllner führte er vor seinen Schülerinnen aus, daß Deutschland "jetzt hoch hinaus" wolle und wieder zu christlicher Bescheidenheit zurückkehren müsse. Von der tumultartigen Unruhe, die daraufhin in der Klasse entstand, ließ er sich nicht stören. Er zog einen Artikel des "Münchner Tageblatts" vom 13. Oktober hervor, brandmarkte ihn als "unchristliche Beschmutzung des englischen Volkes" und schärfte den Schülerinnen ein: "jeder kehre vor seiner Türe, und das müßte man den Zeitungsschmierern sagen". Greinwald wurde von einigen seiner Schülerinnen denunziert. Bei seiner Gestapo-Vernehmung bekannte er freimütig:

"Ein Volk soll sich nicht über das andere erheben, sondern wie der Zöllner an die Brust klopfen, Gott sei mir Sünder gnädig. (...) Das Ziel der Religionsstunde war, den Kindern den Grundsatz unserer christlichen Religion einzuschärfen, sich gegenseitig zu achten und zu lieben. Ich habe dabei erwähnt, daß jedes Volk seine Tugenden hat und auch seine Fehler. Es soll sich eben ein Volk nicht über das andere erheben."

Greinwald hatte Glück im Unglück: Er wurde zwar angezeigt, das Verfahren gegen ihn stellte man jedoch wieder ein. 1940 erhielt er ein Unterrichtsverbot für Oberbayern, ließ sich aber nach Landshut versetzen, wo er weiter unterrichten konnte.

Auch der Pfarrkurat Anton Ferstl, der in Ottobrunn in einer Volksschule unterrichtete, setzte die "Feindesliebe" auf seinen Stundenplan. Im Januar 1940 erzählte er seinen Schülern die Geschichte vom barmherzigen Samariter in etwas abgewandelter Form: Ein Verletzter liegt am Straßenrand. Ein Deutscher, dann ein Pfarrer, danach ein politischer Leiter gehen an ihm vorüber. Zuletzt kommt ein Pole, der sich schließlich des Verletzten annimmt.

Von diesem Gleichnis erfuhr die NSDAP-Ortsgruppe in Ottobrunn. Ferstl wurde angeklagt. Es stellte sich heraus, daß er bei der Gestapo schon ein langes "Sündenregister" hatte: Bereits im August 1933 war er einige Tage in Haft gewesen. 1934 hatte er Heimabende der katholischen Jugend abgehalten, ohne sie anzumelden, um, wie er selber bei der Vernehmung sagte, eine Überwachung durch die Polizei zu verhindern. Mehrmals war er wegen mißliebiger Predigten verwarnt worden. Einmal hatte er eine von Nationalsozialisten am Kirchturm angebrachte Hakenkreuzflagge heruntergeholt und versteckt. Ein andermal hatte er einem nationalsozialistischen Lehrerkollegen das Bilderbuch "Trau keinem Fuchs auf grüner Heid' und keinem Jud' bei seinem Eid" aus dem Schulzimmer gestohlen. 1935 hatte er sich sogar mit Nationalsozialisten eine Prügelei geliefert. Folgerichtig forderte die Gestapo seine besonders harte Bestrafung:

"Diese ganze Reihe Verfehlungen des Benefiziaten Ferstl, nur angeführt zur Charakterisierung seiner Person, zeigen eindeutig, daß es sich bei ihm um einen den Nationalsozialismus aus Überzeugung ablehnenden Hetzgeistlichen handelt, dessen neuerliche Verfehlungen beweisen, daß er unbelehrbar und unversöhnlich in seiner gegnerischen Einstellung zu verharren gedenkt. Nur die volle Schärfe des Gesetzes durch exemplarische Bestrafung eines derartigen Staatsfeindes kann hier eine Besserung bewirken."

Auch Anton Ferstl kam mit einem Unterrichtsverbot davon. Joseph Schrallhammer , Pfarrer in St. Paul, und Stephan Floetzl, Kaplan in St. Maximilian, waren weitere Münchner Priester, die sich ganz gegen den Zeitgeist öffentlich für den Frieden einsetzten.

Katholische Laien

Während die Priester, durch die Macht der Kirche etwas geschützt, doch einigen Handlungsspielraum besaßen, gingen die katholischen Laien noch größere Risiken ein, wenn sie sich aktiv im Kirchenkampf engagierten. Die pensionierte Volksschullehrerin Therese Thoma geriet 1938 in die Fänge der Gestapo. Sie, die Rupert Mayer glühend verehrte, hatte mit großem Mut und Aktivismus versucht, den Kampf der Nationalsozialisten gegen den Katholizismus wenigstens ausschnittsweise zu dokumentieren. Als "grundsätzliche Verteidigerin der Bekenntnisschule" wurde sie 1935 ihres Dienstes enthoben und nach einem Disziplinarverfahren Anfang 1936 in den dauernden Ruhestand versetzt. Seither lebte sie von einer winzigen Pension. Offenbar war es ihr ein Bedürfnis, ihrem Feind direkt ins Auge zu blicken und seine Untaten festzuhalten: Von Oktober 1937 an besuchte sie die sogenannten religionswissenschaftlichen Vorträge an der nationalsozialistischen Hans-Schemm-Hochschule für Lehrerbildung in Pasing. Sie stenographierte die kirchenfeindlichen Vorträge mit, faßte sie zu Hause auf ihrer Schreibmaschine zusammen und übergab sie Kardinal Faulhaber und Rupert Mayer. Der Dozent Kober, der die Vorträge hielt, war ein katholischer Geistlicher, dem das erzbischöfliche Ordinariat wegen seiner nationalsozialistischen Einstellung die Lehrerlaubnis entzogen hatte. Als in Schweizer Zeitungen Artikel über die "mustergültige" Hans-Schemm-Schule erschienen, mit Informationen, die nur von einem Eingeweihten kommen konnten, wurde Kober klar, daß unter seinen Hörern ein kirchlicher "Spion" sitzen mußte. Er verbat daraufhin seinen Hörern mitzuschreiben und kündigte gegen "Auslandsagenten" schärfste Maßnahmen an. Offensichtlich war sein Verdacht bereits auf Therese Thoma gefallen. Diese ließ sich jedoch nicht einschüchtern. Sie stenographierte seinen Vortrag "Die religiös getarnte Internationale des politischen Katholizismus" trotz aller Drohungen mit. Unter der nationalsozialistischen Zuhörerschaft entstand darauf ein Tumult; man versuchte, ihr die Stenogramme zu entreißen, und griff sie tätlich an. Der Vorfall endete mit einer Anzeige bei der Gestapo. In den Vernehmungen sagte Therese Thoma lange gar nichts. Schließlich gab sie nur zu, was man ihr beweisen konnte. Andere Namen zu nennen, weigerte sie sich. Obwohl die Gestapo zusammenfaßte: "Nach Sachlage hat Thoma im klerikalen Nachrichtendienst als Mitarbeiter und Verbindungsmann fungiert", konnte man ihr nicht nachweisen, daß sie ihre Stenogramme tatsächlich fürs Ausland angefertigt hatte. Nach fünf Wochen Polizeihaft mußte Therese Thoma entlassen werden, mit der Auflage, sich bis auf weiteres zur Verfügung der Gestapo zu halten.

Zu derselben Zeit wurde bei Bregenz ein Münchner Arzt, Dr. Joseph Mittendorfer , verhaftet, der in die Schweiz reisen wollte, um dort einen Pfarrer zu besuchen. Die Grenzbeamten hatten bei ihm "zwei Schreiben mit hetzerischem Inhalt vorgefunden, die den Verdacht rechtfertigen, daß Mittendorfer Greuelpropaganda betreibt." Eines der Flugblätter, "Der 'Arier' Alfred Rosenberg", bezichtigte den nationalsozialistischen Chefideologen eines jüdisch-slawischen Stammbaums. Das zweite Flugblatt kritisierte die "überkluge Vorsicht" und "schwächliche Anpassung" der kirchlichen Amtsträger gegenüber dem NS-Regime - dies sei der tatsächliche "falsche politische Katholizismus" - und forderte von der Kirche eine kompromißlosere Haltung. Bei einer Hausdurchsuchung förderte die Gestapo Abschriften aus beschlagnahmten Hirtenbriefen, mehrere inzwischen verbotene katholische Zeitungen und Zeitschriften und anderes ihr verdächtiges Schriftenmaterial zutage. Sie kam zu dem Schluß: "Nach den bisherigen Ermittlungen besteht begründeter Verdacht, daß Mittendorfer mit klerikalen Kreisen im Auslande in Verbindung steht. Nach den mitgeführten Exemplaren ist er außerdem verdächtigt, im Ausland Greuelpropaganda zu betreiben." Mittendorfer versuchte, sich zu rechtfertigen: Er habe die Flugblätter anonym zugeschickt bekommen und unbeachtet in seiner Brieftasche vergessen. Woher sie kamen und was er tatsächlich mit ihnen in der Schweiz vorhatte, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Mittendorfer wurde wenige Tage später freigelassen.

Therese Thoma und Dr. Mittendorfer waren offensichtlich in ein Netzwerk von Menschen eingebunden, die sich für die katholischen Belange engagierten, ohne daß die Gestapo diesem Netzwerk auf die Spur kommen konnte. Erfolgreicher war sie im Fall Josef Mörschburger und andere: Am 10. Februar 1938 standen ein Dutzend Angeklagte vor dem Sondergericht, die bisher "politisch unbestandet" waren, aber als "überzeugte", "regsame", "sich aktivistisch betätigende" oder sogar "fanatische" Katholiken galten. Eigentlich handelte es sich um zwei Kreise, in denen Flugblätter von Hand zu Hand weitergegeben wurden. Ein Flugblatt war von Kaplan Rauscher von St. Ursula in Umlauf gebracht worden. Es kritisierte die Sittlichkeitsprozesse gegen die Priester und die parteiische und unwahre Berichterstattung darüber in der deutschen Presse und zog daraus durchaus auch politische Schlußfolgerungen: "Sie (die Nationalsozialisten, Anm. d. Verf.) halten es (das deutsche Volk, Anm. d. Verf.) für so verlumpt und knechtselig, daß sie es wagen, es mit asiatischer Despotie zu unterdrücken, wie noch kein freies und gebildetes Volk unterdrückt worden ist." Kaplan Rauscher hatte das Flugblatt einem seiner Gemeindemitglieder mit der Bemerkung übergeben, er solle "nur obacht geben, daß niemand Unrechter das Flugblatt erhalte, weil etwas darinnen stehen würde". Dieser reichte das Blatt an den kaufmännischen Angestellten Josef Mörschburger weiter, der sich die Mühe machte, es um der besseren Lesbarkeit willen mit mehreren Durchschlägen abzuschreiben. Mörschburger gab das Blatt an eine ihm bekannte Frau, diese zeigte es ihrem Ehemann und gab es einer Freundin, die es wiederum ihrem Ehemann aushändigte. Dieser gab es einem Freund und der seiner Tochter. Mit ihr brach die Kette ab: Sie beging die Unvorsichtigkeit, das Flugblatt in aller Öffentlichkeit in der Straßenbahn zu lesen, und wurde denunziert. Auf ähnliche Weise war das zweite Flugblatt durch verschiedene Hände gegangen. Es bezichtigte in Sachen Kirchenverfolgung "die deutsche Justiz und das Pressewesen des grundsätzlichen Rechtsbruchs und der planmäßigen Vergewaltigung der öffentlichen Meinung."

Der Gestapo gelang es, die Herkunft der beiden Flugblätter bis zu Kaplan Rauscher und einem Fräulein Buchwieser, der Nichte und Haushälterin des erzbischöflichen Generalvikars Ferdinand Buchwieser , zurückzuverfolgen. Während alle anderen Beteiligten vor dem Sondergericht angeklagt und verurteilt wurden, kamen diese mit einer bloßen Verwarnung davon. Am härtesten bestraft wurde Josef Mörschburger. Er mußte für sechs Monate ins Gefängnis. Mörschburger war selber einmal Nationalsozialist gewesen und hatte sich allein wegen dessen Kirchenfeindlichkeit von ihm abgewandt:

"In religiöser Beziehung ist er ein ausgesprochener Aktivist. Er muß geradezu als fanatischer Katholik bezeichnet werden. Vom Jahre 1929 bis zum September 1931 war er Mitglied der NSDAP sowie Angehöriger der SA. Der Angeklagte will damals in den Reihen der (nationalsozialistischen, Anm. d. Verf.) Bewegung eine katholikenfeindliche Stimmung bemerkt haben. Mit Rücksicht auf seine religiöse Einstellung war er nun der Meinung, die Mitgliedschaft zur Partei nicht mehr aufrecht erhalten zu können. Er hat daher zu dem oben genannten Zeitpunkt seinen Austritt aus der Partei angemeldet und diesen auch vollzogen."

Katholische Jugendliche

Die Fälle von Münchner Priestern oder katholischen Laien, die sich im Kirchenkampf gegen den Nationalsozialismus wandten, sind relativ zahlreich überliefert. Demgegenüber erstaunt es, daß nur wenige katholisch organisierte Jugendliche aktenfällig geworden sind.

Hans Hien war der Bundesleiter des "Älterenbundes Neudeutschland". Als die Nationalsozialisten die Macht ergriffen, hatte er gerade sein Jura-Studium abgeschlossen und als Rechtsreferendar angefangen. Hien war politisch sehr interessiert; er dachte viel über das neue Regime nach und rang um eine politische Standortbestimmung des "Bund Neudeutschland" unter diesen veränderten Bedingungen. Zum 1. Mai 1933 legte er der Zeitschrift des Älterenbundes ein selbst verfaßtes Rundschreiben bei: "Die politische Haltung von Neudeutschland Älterenbund im neuen Staat". Anders als die Kirche wollte sich Hien nicht erpressen lassen durch die Forderung nach nationaler Geschlossenheit, die in diesen Wochen jeden konservativen Widerspruch unterdrückte. Es ging ihm "nicht um eine Proklamation nach außen, daß 'auch wir national' seien, sondern um eine ehrliche Besinnung und neue Wegweisung innerhalb unserer eigenen Reihen." Er war zwar bereit, den neuen Staat um der "nationalen Erhebung" und der "geistigen und politischen Einigung der Volksgesamtheit" willen zu begrüßen und zu unterstützen. Die Bundesbrüder könnten sogar der NSDAP beitreten, wenn sie dort Möglichkeiten sähen, "konkret im Sinne der Neudeutschen Idee fruchtbar und aktiv zu arbeiten". Doch weigerte er sich, für den neuen Staat jedes kritische Denken aufzugeben. In all seiner Zwiespältigkeit formulierte Hiens Rundschreiben dabei fast hellseherisch die menschenverachtenden Ziele des Nationalsozialismus:

"Dieses innerliche Ja-Sagen zu diesen Grundelementen des neuen Staates - das nicht nur auf Taktik, sondern auf gereifter Überzeugung beruht - berechtigt uns aber auch, klar die Grenzen und Gefahren, ja offenkundige Fehlkonstruktionen der neuen Ordnung aufzuzeigen, die da sind, einmal ein vielfach geübter Macchiavellismus, dem jedes Mittel zur Erreichung der Staatsraison recht ist; sodann eine gefährliche militaristische Verzerrung (...); als Folge hievon ein Wiederaufflammen der Kriegspsychose im außenpolitischen Bereich; der kollektivistische Zug der 'Gleichschaltung', (...) die tatsächlich und rechtlich bestehende Diktatur (...); vor allem aber die weltanschauliche Gefährdung durch die Absolutsetzung der Nation im 'totalen Staat', damit auch der drohende Rückfall in die geistig seit dem Eintritt des Christentums in die Menschheitsgeschichte überwundene Staatsomnipotenz, die letztlich die Würde und Freiheit der Persönlichkeit bedroht.

All diese sehr ernsten Verwahrungen erheben wir allerdings nicht aus dem Ressentiment des längst überholten Liberalismus, sondern aus dem Willen zu einer gemeinschaftsgebundenen und gemeinschaftstragenden Persönlichkeitskultur."

Das Rundschreiben blieb für Hien noch folgenlos. Mit der Polizei zu tun bekam er es erst Ende Juni 1933: Er hatte vor einem Club katholischer Adeliger die These entwickelt, daß alle Revolutionen sich in einem ersten gemäßigten und einem zweiten radikalen Schub vollzögen und der Nationalsozialismus jetzt vor diesem zweiten Schub stünde. Man müsse sich jetzt mit den "gemäßigten" Kräften der NS-Bewegung verbünden, um die radikale Revolution zu verhindern. Diese damals auch in anderen Kreisen zirkulierenden Gedanken hatte Hien in einer Denkschrift zusammengefaßt, drucken und verschicken lassen. Einige Exemplare fand zufällig die Polizei, als sie bei führenden BVP-Mitgliedern Hausdurchsuchungen machte. Hien wurde gewarnt. Da es seinem Ehrenkodex nicht entsprach, zu fliehen, meldete er sich freiwillig bei dem Gauleiter und Innenminister Adolf Wagner, der ihn sofort in "Schutzhaft" nahm. Wagner und Himmler wollten die Denkschrift dazu verwenden, den ganzen "Bund Neudeutschland" als staatsfeindlich zu diskreditieren und verbieten zu lassen. Doch Hien ließ sich die persönliche Verantwortung nicht nehmen. Er kam daraufhin nach Stadelheim und wurde erst im Dezember 1933 wieder entlassen.

Daß in den katholischen Jugendorganisationen schon im Frühsommer 1933 die Stimmung an der "Basis" zum Teil sehr pessimistisch war, zeigen die Briefe von Heinrich Hammer. Der 21jährige Theologiestudent schrieb am 20. Juni 1933 einem Freund einen Bericht über die Vorfälle auf dem Münchner Gesellentag. Er schloß mit den Worten:

"Heiner, hast du das kapiert, gefressen? es ist nicht alles gold was glänzt. unsere lage ist durchaus nicht rosig. Heiner, vielleicht hält man wieder haussuchung bei dir und beschlagnahmt diesen brief, dann wird man wenigstens die wahrheit erfahren, die man sonst nicht erfährt."

Drei Tage später schrieb Hammer dem Freund erneut in höchster Aufregung, er glaube, daß die katholischen Jugendverbände in allernächster Zeit verboten würden (was tatsächlich erst drei Jahre später geschah):

"tritt gefaßt!

ich habe dir heute wichtiges zu berichten! man rechnet hier an maßgebender stelle damit, daß in 8 - 14 tagen sämtliche katholische jugendverbände aufgelöst sind. die auflösung der katholischen arbeitervereine wird in den nächsten tagen erfolgen. die geistlichkeit wird dieser aktion von seiten der regierung meines erachtens keinen widerstand entgegensetzen! die weisungen vom zweiten thing in bamberg befolgen, zum beispiel SA-leute in den heimabend einladen und dergl. hat auch keinen sinn, denn es gibt leute, die einfach mit blindheit geschlagen sind und die sich nicht überzeugen lassen. was ist nun zu machen? heiner, du wirst mir zugeben, daß die wahrscheinlichkeit einer auflösung zumindest sehr groß ist. die folge davon wäre, daß alles, was eigentum der sturmschar und des katholischen jungmännervereins ist, eigentum der HJ wird. das geht ganz automatisch. darum trefft sofort vorsorge für den fall des falles. (...) ich würde dir gerne noch einige wonnesame dinge erzählen, aber 'o lieber herrgott mach mich stumm, daß ich net nach dachau kumm'! dachau ist ein schöner kurort, 18 km von münchen, aber konzentrationslager für alle, die sich im reden und handeln 'nicht beherrschen' können.

freund, ich möchte dir allerhand interessante dinge flüstern, gerüchte, die hier im umlauf sind; da wärst du einfach sprachlos, aber du weißt ja........... o lieber ......... (usw.) festen treugruß auch allen, Heiner.

........... unstete fahrt habt acht, habt acht, die welt ist voller morden.........."

Tatsächlich fand bei dem Briefeempfänger eine Hausdurchsuchung statt, die Briefe wurden gefunden. Heinrich Hammer kam in Untersuchungshaft und verbrachte einige Monate im KZ Dachau. Im Oktober 1933 wurde er vor dem Sondergericht zu einem Monat Gefängnis verurteilt. Die Strafe trat er im März 1934 an, nachdem er erst im Dezember aus Dachau entlassen worden war.

Politischer Widerstand von Priestern

Eigentlich verstießen Priester, die sich im politischen Widerstand betätigten, gegen die Vorgabe der Kirche, daß die Politik Sache des Staates sei und sich die Kirchenleute in allen politischen Dingen der Obrigkeit fügen bzw. sich heraushalten sollten. Es war äußerst selten, daß ein Priester den rein kirchlichen Bereich verließ und ins Politische vordrang. Nur Außenseiter machten diesen Schritt ganz bewußt: in stärkstem Maße Carl-Oskar Freiherr von Soden, aber auch der Stadtpfarrer Emil Muhler, der in Kirchenkreisen deshalb als Querulant galt. Die Jesuitenpatres um Augustinus Rösch sowie Kaplan Wehrle hatten nicht die Absicht, politisch tätig zu werden; sie wurden es gegen ihre Intention. Augustinus Rösch und Lothar König, die das "Dritte Reich" überlebten, stritten folgerichtig später auch immer ab, politischen Widerstand geleistet zu haben. Sie beanspruchten, nur Kämpfer für den Glauben gewesen zu sein.

Pfarrer Emil Muhler war schon immer sozialpolitisch sehr interessiert gewesen. Nach seiner Priesterweihe promovierte er 1923 in Volkswirtschaft zum Thema "Die Idee des gerechten Lohnes nach katholischer Auffassung mit besonderer Berücksichtigung des Familienlohnes". Seit 1924 war er Stadtpfarrer von St. Andreas im Glockenbachviertel, wo er viel mit den Nöten der armen Bevölkerungsschichten in Berührung kam. Als Mitglied der Bayerischen Volkspartei saß Muhler von 1930 bis zur nationalsozialistischen "Machtergreifung" im Münchner Stadtrat.

Im Herbst 1933 geriet Muhler zum ersten Mal mit dem nationalsozialistischen Regime in Konflikt. Er hatte einen engen Kontakt zu Kommunisten in seiner Gemeinde, die er in den Schoß der Kirche zurückführen wollte und deshalb moralisch und auch materiell unterstützte. Von ihnen erfuhr er, daß die Kommunisten, die im Frühjahr und Sommer 1933 zu Hunderten inhaftiert worden waren, in den Gefängnissen und im KZ Dachau nicht nur in Gewahrsam gehalten, sondern auch mißhandelt und getötet wurden. Eines Abends erzählte er seinen Kaplänen beim Essen, was er an diesem Tag von einem Kommunisten gehört hatte: Im KZ Dachau sei ein Häftling mit einem Strick und einem Rasiermesser zum Selbstmord aufgefordert worden; auch erschieße man Häftlinge angeblich auf der Flucht, nachdem man sie selber aus der Lagerumzäunung herausgeschickt habe. Einer der Kapläne erzählte diese Geschichten einem anderen Kaplan weiter, und dieser verbreitete sie unter den Lehrern der Alfons-Schule, wo er Religionsunterricht erteilte. Einige Lehrer denunzierten ihn, und die nationalsozialistische Verfolgungsmaschinerie rollte den Fall auf. Pfarrer Muhler, als Gelenk in der Nachrichtenkette zwischen den Kommunisten und den kirchlichen Kreisen, geriet besonders unter Beschuß - vor allem auch, weil er offen eingestand, daß er "mit den weltanschaulichen Ideen der heutigen Regierung nicht in allen Dingen einverstanden" sei. Bei einer Hausdurchsuchung fand man bei ihm zahlreiche sozialistische Broschüren und Zeitschriften, die er sich zwar nur zu Studienzwecken angeschafft hatte, die ihn aber zusätzlich verdächtig machten. Muhler weigerte sich, den Namen des Kommunisten zu nennen, der ihm das "Greuelmärchen" erzählt hatte. Auch sein Kaplan und eine Pfarrschwester ließen sich von den Drohungen der Polizei nicht einschüchtern und schwiegen. Dennoch fand man den Kommunisten und nahm ihn in "Schutzhaft". Im Januar 1934 wurden die drei Priester zu mehreren Monaten Gefängnisstrafe verurteilt. Dieser Prozeß verursachte in der Öffentlichkeit erhebliches Aufsehen. Die Haltung des erzbischöflichen Ordinariats dazu war zwiespältig: Es setzte sich zwar bei den Behörden für die Freilassung der Priester ein, vermied aber eine Konfrontation und ermahnte die Priester laut einem Brief des Generalvikars Buchwieser an Muhler, daß sie in Zukunft "jede Reibungsfläche bei der Fortführung Ihres verantwortungsvollen Amtes vermeiden" sollten.

Muhler hatte von der Kirche einen Aufschrei der Empörung erwartet. Er fühlte sich vom Ordinariat und besonders von Kardinal Faulhaber im Stich gelassen. Das ihm zugefügte Unrecht ließ ihm in den folgenden Jahren keine Ruhe mehr. Wie sehr es ihn dazu trieb, mit dem ihm so verhaßten Nationalsozialismus abzurechnen, zeigt ein Artikel über den christlichen Standpunkt zur "Rassenfrage", den er 1937 für die Münchner Katholische Kirchenzeitung schrieb: Darin reduzierte er die Rasse auf ein rein körperliches Phänomen, im geistigen Sinne habe sie keine Bedeutung. Natürlich durfte der Artikel nicht veröffentlicht werden. Muhler begann einen Briefwechsel mit Kardinal Faulhaber, dessen ausweichende Antworten ihn zutiefst enttäuschten. Um das Ordinariat zu einer Reaktion zu zwingen, faßte Muhler seine Kritik am Nationalsozialismus, an der zögernden Haltung der Kirche und an dem Gerichtsverfahren gegen ihn in einer Denkschrift zusammen. Unter dem Titel "Erlebtes und Erlittenes" ließ er es in drei Exemplaren binden und übergab eines davon dem Domkapitular Neuhäusler. Dieser ließ die Denkschrift verschwinden und fand in der folgenden Zeit immer wieder Ausreden, wenn Muhler ihn darauf ansprach.

Im April 1940 geriet Muhler erneut in die Fänge der Gestapo: Weil er in einer Luftschutzangelegenheit dem Polizeipräsidium einen aufmüpfigen Brief geschrieben hatte, kam er in "Schutzhaft". Bei einer Hausdurchsuchung fand man nun die Denkschrift. Monatelang wurde Muhler Verhören ausgesetzt. Zunächst beharrte er standhaft auf der Kritik, die er in der Denkschrift geäußert hatte:

"(Ich) glaube nach wie vor, daß die mir von Donhauser erzählte Geschichte über Greueltaten im Konzentrationslager Dachau wahr ist. (...) Ich bin fest davon überzeugt, daß meine auf S. 40/41 enthaltene Kritik an der Zusammensetzung des Sondergerichtes und dem Verhalten der Gerichtsmitglieder berechtigt war. Die auf S. 41 ausgesprochene Ablehnung der nationalsozialistischen Weltanschauung halte ich auch heute noch aufrecht. Ich bin der Meinung, daß die deutschen Bischöfe die gleiche Ansicht in einer besonderen Erklärung hätten niederlegen müssen. (...) Ich habe keinen Anlaß, meine auf S. 68 gebrachte Ansicht über Kardinal Faulhaber zu ändern. Ich berücksichtige hierbei natürlich, daß er inzwischen 72 Jahre alt geworden ist. (...) Kardinal Faulhaber hat es bis heute unterlassen, das Unrecht, das er mir (...) zugefügt hat, wieder gutzumachen. (...) Ich habe keine Hoffnung mehr, daß dieser Streit jemals bereinigt werden kann."

Ende August 1940 hatten ihn die Gestapo-Verhöre zermürbt: Er verfaßte eine für ihn persönlich sicherlich äußerst demütigende "Entschuldigung" an das Sondergericht. Nachdem auch das Ordinariat um Milde gebeten hatte - "dabei spielt ihm bei allem subjektiven Gerechtigkeitsgefühl sein Temperament manchen üblen Streich und reißt ihn zu Äußerungen hin, die sachlich ganz und gar nicht berechtigt und in der Form sehr unglücklich und ungehörig sind" - wurde er schließlich zum Jahresende freigelassen.

Muhler ließ sich durch diese Erlebnisse nicht davon abschrecken, auch später noch gegen den Nationalsozialismus tätig zu werden, wo er konnte. So informierte er im Sommer 1943 in konspirativer Manier den Rösch-Kreis davon, daß das NS-Regime die Klöster im Elsaß auflösen wolle, und half damit, dies zu verhindern. Nach dem gescheiterten Hitler-Attentat vom 20. Juli 1944 wurde Muhler ins KZ Dachau eingeliefert - allerdings ohne mit dem Attentat etwas zu tun gehabt zu haben. Er entkam Ende April 1945 auf einem der Todesmärsche. Nach dem Krieg trat Muhler der CSU bei und engagierte sich wieder rege in Politik und Publizistik. Er blieb in der Kirche weiterhin ein streitbarer Mann.

Während Muhler ein Einzelgänger war und von der Kirchenleitung keinen Rückhalt hatte, begriffen sich die Jesuitenpatres Augustinus Rösch, Lothar König und Alfred Delp immer als Repräsentanten der Kirche, die für die Kirche Politik machten. Rösch war Provinzial der Oberdeutschen Provinz der Jesuiten, nahm also kirchenhierarchisch eine hohe Stellung ein. Als transnationale Gemeinschaft besaßen die Jesuiten eine größere Unabhängigkeit als die anderen Orden, fürchteten jedoch immer, in eine Außenseiterposition zu geraten. Rösch und König verschwiegen auch vor 1933 in offiziellen Schreiben und Lebensläufen häufig ihre Zugehörigkeit zum Jesuitenorden. Dem nationalsozialistischen Regime waren die Jesuiten wegen ihrer internationalen Ausrichtung besonders verhaßt. Rösch, König und Delp dachten zwar alles andere als pazifistisch: Rösch hatte begeistert im Ersten Weltkrieg gekämpft und später an der Bildung der Dolchstoßlegende mitgewirkt. König verbreitete 1935 in seiner Dissertation über "die Deutschtumsinsel an der Wolga" durchaus zeitgemäß völkisch-nationalistische Ansichten. Delp wiederum meldete sich im Herbst 1939 mit "ungestüme(m) Verlangen" als Kriegspfarrer, weil er sich "schäme, zu Hause zu sitzen": "Außerdem wollte ich gerade als Priester und Jesuit unter Beweis stellen, daß mir die Anliegen und Sorgen meines Volkes immer eine ernste Pflicht sind." Mit dem nationalsozialistischen Angriffskrieg hatten die drei Jesuitenpatres offensichtlich kein Problem. Gerade Rösch verstand es als Teil seines Kampfes für die Kirche, durchzusetzen, daß die Jesuiten als vollwertige Soldaten akzeptiert und nicht aus der Wehrmacht ausgeschlossen würden. Gleichzeitig aber waren Rösch, Delp und König in ihren religiös fundierten Überzeugungen sehr bedingungslos und opferbereit: Sie setzten sich nicht nur für die Rechte der Kirche und ihres Ordens ein - es stand zu befürchten, daß der ganze Jesuitenorden in seiner Existenz bedroht würde -, sondern auch für die Menschenwürde allgemein. Die Konzentrationslager, die Verfolgung und Vernichtung der Juden, die unmenschliche Behandlung der Kriegsgefangenen waren für sie ein Verrat an Christus, den sie nicht zu dulden bereit waren. So gerieten sie in den letzten Kriegsjahren in den politischen Widerstand, ohne je die Absicht zum politischen Handeln gehabt zu haben.

Wie die meisten konservativen Widerstandskreise zielte auch der Rösch-Kreis über sein unmittelbares lokales Unmfeld hinaus. Rösch, König und Delp betrachteten München zwar als wichtigen Rückzugsort: Hier waren sie in ein dichtes katholisches Milieu eingebettet, hier wußten sie viele Freunde, auf deren Unterstützung sie sich verlassen konnten. Für ihre politische Arbeit entscheidender wurden jedoch die Kontakte und Wirkungsmöglichkeiten, die sie überall im deutschen Reich besaßen.

Augustinus Rösch stand bereits seit Mitte der 30er Jahre in einem Dauerkonflikt mit dem NS-Regime. 1935 zum Provinzial der Oberdeutschen Provinz berufen und für 605 Jesuiten verantwortlich, mußte er ständig mit Behörden verhandeln, um Predigtverbote und Verhaftungen seiner Mitbrüder abzuwenden. Er ließ sich dabei weder von Hausdurchsuchungen noch von Gestapo-Verhören abschrecken. Seine fast kindliche Frömmigkeit - er glaubte, daß "Schutzengel" ihn leiteten - machte ihn allen Kompromissen und Ausweichmanövern abgeneigt; er war bereit, für die Kirche und für seinen Glauben massive Verfolgungsmaßnahmen hinzunehmen. Seine kämpferische Haltung zeigte auch einige Erfolge: Zum Beispiel konnte er 1940 verhindern, daß alle Jesuiten mit Namen karteimäßig erfaßt wurden. So erfuhr er, daß es gegenüber dem nationalsozialistischen Regime durchaus Handlungsspielräume gab, die es auszureizen galt. Die zögerliche Haltung der Kirchenoberen ließ ihn zunehmend verzweifeln: "Aber Eminenz (Faulhaber, Anm. d. Verf.) wagt nichts mehr."

Deshalb tat sich Rösch 1941 mit seinem Münchner Mitbruder Pater Lothar König sowie mit dem in Berlin tätigen Dominikaner Pater Odilo Braun und dem Justitiar der Diözese Würzburg, Georg Angermeier , zusammen, um die Bischöfe zu konsequenterem Handeln gegen das NS-Regime zu veranlassen. Unermüdlich reisten König und Braun quer durch das Reich von einem Bischof zum anderen und unterbreiteten ihnen Lageberichte. Schließlich erreichten sie, daß die Bischöfe im Sommer 1941 einen "Ausschuß für Ordensangelegenheiten" schufen, der das Vorgehen der Kirche gegen den nationalsozialistischen "Klostersturm" koordinieren sollte. Dieser Ausschuß, dem die Gruppe um Rösch sowie zwei Bischöfe und ein weiterer Dominikaner angehörten, wurde nun äußerst aktiv darin, die katholische Abwehrfront zu sammeln. Seine Mitglieder scheuten dabei keine Opfer: König reiste allein 1941 77 000 Kilometer, und dies, obwohl er an Kehlkopfkrebs litt und ihm die Nachtzüge und die schlechte Verpflegung auf Reisen schwer zu schaffen machten. Häufig trafen sich die Ausschuß-Mitglieder konspirativ in München und an anderen Orten, zivil gekleidet und mit Tarnausweisen versehen. Besonders König war es daran gelegen, nicht nur das Unrecht an der katholischen Kirche, sondern auch die Menschenrechtsverletzungen des Nationalsozialismus zu dokumentieren: Er beschaffte sich Fotonegative der Totenlisten des KZ Dachau sowie fast 2 000 Leichenschauscheine und leitete seine Informationen nach Rom und an die Bischöfe weiter - ohne daß allerdings vom Papst oder von den Bischöfen eine angemessene Reaktion darauf erfolgt wäre.

Sehr viel Energie verwandte der Ausschuß darauf, die Bischöfe zu einer wirkungsvolleren Protestform zu bewegen: Während die nicht-öffentlichen Eingaben der Bischöfe von der NS-Regierung einfach ignoriert werden konnten, sollte eine öffentliche Verlesung von Hirtenbriefen die Bevölkerung in Aufruhr versetzen. Für den November 1941 plante der Ausschuß einen spektakulären Hirtenbrief, der auch das Unrecht an den Juden thematisieren sollte. Die Entwürfe von Rösch, König, Braun und Angermeier enthielten sehr deutliche politische Aussagen:

"Tausende von Männern und Frauen schmachten in den Sammellagern der Geheimen Staatspolizei, ohne jemals vor einem unabhängigen Richter einer Schuld überführt worden zu sein. Wir Bischöfe verwahren uns vor Gott und vor dem deutschen Volk feierlich gegen diese ungerechte Vernichtung der persönlichen Freiheit. Wir tun es unserer verhafteten Brüder wegen. (...) Wir tun es, weil die daraus entstandene Rechtsunsicherheit den Bestand des Staates untergräbt. Wir tun es, weil diese Vergewaltigung der persönlichen Freiheit der Würde des Menschen als Ebenbild Gottes widerspricht. (...) Ebenso wie in Deutschland jeder ohne Schuld und ohne Richter seiner Freiheit beraubt werden kann, so kann er auch ohne Schuld und ohne Richter Gesundheit und Leben verlieren. Niemand kann die Gewaltmaßnahmen der Geheimen Staatspolizei überprüfen und niemand hindert sie, nach Belieben über Tod und Leben zu verfügen."

Obwohl König und Braun alle Bischöfe einzeln zu überzeugen versuchten, scheiterte die Verlesung dieses Hirtenbriefs. Im Frühjahr 1942 wurde ein weit weniger deutlicher Hirtenbrief in verschiedenen Fassungen von einigen Bischöfen verlesen. König und Braun waren diesmal beide so krank, daß sie das Vorgehen der Bischöfe nicht koordinieren konnten. Dabei erschien es den Jesuiten immer dringlicher, auf die Menschenrechtsverletzungen öffentlich aufmerksam zu machen, auch weil sie fürchteten, daß ihnen bald das "Judenschicksal" zuteil werde. Im Februar 1943 schrieb Rösch in einem Brief:

"Im Dezember kam vertraulichste Mitteilung, daß das sogenannte 'Judenkommissariat' - das die Deportationen der Juden mit all dem furchtbaren physischen Vernichtungsfeldzug, sehr oft schon unterwegs mit allem Drum und Dran besorgt - die Angelegenheit der SJ (des Jesuitenordens, Anm. d. Verf.) übertragen bekommen hat. (...) Was wir in dieser großen Not und Gefahr tun? Zunächst beten und opfern wir und lassen viel, viel beten und vertrauen ganz auf Gottes allmächtigen Schutz. (...) Ferner machen wir einigen Bischöfen und den beiden Kardinälen von München und Breslau Mitteilung, bitten um wohlwollende Erwägung, ob es nicht gut wäre, ihrerseits der Regierung Kenntnis zu geben, daß sie von den geplanten Maßnahmen Kenntnis haben, auf das Ungeheuerliche der Maßnahmen hinweisen usw. Aber - unter uns gesagt - wir haben zunächst wenig Hoffnung, daß wir da viel Hilfe finden; denn man hat ja leider entsetzlich geschwiegen zu so vielem und furchtbarem in Polen, Slowenien, Luxemburg, von den Juden und Kommunisten ganz zu schweigen."

Den einzigen Erfolg, den der Ausschuß noch verzeichnete, war, daß im Sommer 1943 die Auflösung der Klöster im Elsaß durch einige schnelle, koordinierte Aktionen verhindert werden konnte. An dem sogenannten "Dekalog-Hirtenbrief", der in entschärfter Form die Zehn Gebote auf das Hitler-Regime anwandte und im Frühherbst 1943 von den protestwilligen Bischöfen verlesen wurde, war der Ausschuß nicht mehr direkt beteiligt. Er hatte sein Äußerstes geleistet, mehr ließ sich mit den Bischöfen nicht erreichen.

Neben ihrer rein kirchlichen Arbeit im "Ausschuß für Ordensangelegenheiten" engagierten sich Rösch und König seit Ende 1941 auch im politischen Widerstand: im sogenannten Kreisauer Kreis, benannt nach dem oberschlesischen Gut Kreisau des Grafen von Moltke, auf dem die wichtigsten Tagungen und Besprechungen des Kreises stattfanden. Der Kreis war eine Initiative zweier Adeliger, Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf von Yorck, und als Diskussionsforum und Kontaktbörse gedacht, um anti-nationalsozialistische Fachleute und Repräsentanten verschiedener sozialer und politischer Gruppen aus ganz Deutschland zusammenzuführen. Er diskutierte die staatsrechtlichen, wirtschaftspolitischen und volkspädagogischen Themen, die unter dem Nationalsozialismus tabu waren, und arbeitete Grundsatzpapiere aus, wie Deutschland nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes neu geordnet werden könnte. Moltke suchte dabei besonders den Kontakt zu Arbeitervertretern und zu Vertretern der Kirchen. Er lernte Rösch im Oktober 1941 zufällig kennen, erkannte in ihm den idealen Vertreter der katholischen Kirche und warb ihn als einen solchen regelrecht an. Es ging dem "Kreisauer Kreis" nie um aktiven Widerstand gegen die Staatsgewalt - daran hätten auch die Jesuiten sich niemals beteiligt. Doch daß man sich traf und konspirativ über ein Deutschland nach dem Nationalsozialismus nachdachte, genügte, um im totalitären Staat "Hochverrat" zu begehen.

An Pfingsten 1942 fand die erste große Tagung in Kreisau statt. Rösch hatte mitgeholfen, sie inhaltlich vorzubereiten. Die verschiedenen Teilnehmer hielten Referate, anschließend kam es zu Diskussionen, die Ergebnisse wurden in Protokollen festgehalten. Rösch referierte über die Fragen, die die katholische Kirche berührten, und berichtete von seinen Erfahrungen mit der Gestapo. Bei der zweiten großen Kreisauer Zusammenkunft im Oktober 1943, als es um Staats- und Wirtschaftsaufbau ging, war Rösch nicht mehr dabei, obwohl er bei zahlreichen Vorbesprechungen teilgenommen hatte. Wahrscheinlich wollte er seine Mitarbeit auf seine Funktionen als Kirchenmann beschränken; es hätte seinem Selbstverständnis nicht entsprochen, sich aktiv an staatspolitischen Besprechungen zu beteiligen. Dafür hatte er auf Anfragen Moltkes seinen Mitbruder Alfred Delp in den Kreis eingeführt: Dieser sollte als Soziologe die staats- und wirtschaftspolitischen Themen von katholischer Warte aus behandeln und sich vor allem darüber Gedanken machen, wie man die Arbeiterschaft weg von Nationalsozialismus und Kommunismus hin zum Christentum bringen könne. Auch Lothar König wurde von Rösch dem Kreis zugeführt: Er fungierte als Kurier zwischen den verschiedenen Beteiligten, arbeitete aber auch an den Grundsatzpapieren mit, die zwischen den Mitgliedern des Kreises hin- und hergingen und laufend umformuliert wurden.

Alfred Delp, der sich bis dahin als Gegner des Nationalsozialismus noch nicht exponiert hatte, scheint unter dem Einfluß der Kreisauer eine bedeutende politische Entwicklung gemacht zu haben. Er engagierte sich sehr, nicht nur bei Themen, die die Kirche betrafen, und lieferte wichtige Beiträge bei der dritten großen Kreisauer Tagung an Pfingsten 1943, als es um Wirtschaft, die Wiederherstellung des Rechts und die Bestrafung der NS-Verbrecher ging. Im August 1943 hatte man das Programm der Kreisauer vollendet: Alle verhandelten Ergebnisse waren in den "Grundsätzen für die Neuordnung" schriftlich fixiert, König hatte eine Deutschlandkarte mit einer neuen Ländereinteilung hergestellt, und die zukünftige personelle Besetzung einer Reichsregierung war in den "Ersten Weisungen an die Landesverweser" festgelegt. Delp hatte offensichtlich die katholischen Positionen stark in das Programm der Kreisauer einbringen können: Während Moltke und Yorck bei ihrem ersten brieflichen Gedankenaustausch 1940/41 die Kirchen nur im Nebensatz erwähnten, waren Verchristlichung und religiöse Bindung in den "Grundsätzen zur Neuordnung" tragende Pfeiler. Delp war es auch, der den Kontakt der Kreisauer zu dem bayerischen Widerstandskreis um Franz Sperr herstellte und die gemeinsamen Besprechungen in München organisierte.

Im Januar 1944 wurde Moltke, der sich in der Wehrmacht als Oppositioneller exponiert hatte, verhaftet. Ohne ihn konnte der "Kreisauer Kreis" nicht mehr in alter Form weiterarbeiten. Angesichts der erzwungenen Untätigkeit ergriff Delp nun eine wachsende Ungeduld. Schließlich entschloß er sich, auf eigene Faust und entgegen allen konspirativen Spielregeln den Grafen Claus Schenk von Stauffenberg in Bamberg zu besuchen, von dessen Attentatsplänen er allerdings nichts wußte. Stauffenberg war über den unvorsichtigen Besuch empört. Tatsächlich wurde dieser Besuch Delp zum Verhängnis: Wenige Tage nach dem gescheiterten Attentat des 20. Juli holte ihn die Gestapo ab. Vom Volksgerichtshof zum Tode verurteilt, wurde Delp im Februar 1945 gehenkt. Rösch und König blieben zunächst unbehelligt. Erst Ende August 1944 kam die Gestapo ihrer Verbindung zu den Widerstandskreisen auf die Spur. Es gelang ihnen, rechtzeitig zu fliehen. König überlebte bis zum Kriegsende in mehreren Verstecken, doch da seine schwere Krankheit nicht behandelt werden konnte, starb er bereits ein Jahr nach der Befreiung. Rösch wurde im Januar 1945 zusammen mit der Bauersfamilie, die ihn aufgenommen hatte, verhaftet und nach Berlin gebracht. Er konnte bei Kriegsende aus dem Gefängnis entkommen.

Röschs Haltung zu seiner eigenen Vergangenheit im Widerstand zeigte sich nach dem Krieg durchaus zwiespältig: Er wies es weit von sich, im "Kreisauer Kreis" politische Ziele verfolgt zu haben - es sei ihm nur um die Verteidigung der Kirche und der christlichen Humanität gegangen. Über seine enttäuschenden Erfahrungen mit den Bischöfen ließ er nie ein Wort verlauten. Die Dossiers des "Kreisauer Kreises", die "Grundsätze zur Neuordnung", die die Jesuiten im August 1943 von Moltke zugesandt bekommen hatten, wurden erst in den 70er Jahren zufällig in einem Tresor gefunden. Rösch und König hatten sie der nachkriegsdeutschen Öffentlichkeit, für die sie geschrieben worden waren, einfach vorenthalten.

Carl-Oskar von Soden: die Emigration als Martyrium

Die außergewöhnlichste Figur der bayerischen Emigration war der katholische Priester Carl-Oskar Freiherr von Soden. Soden, der nie eine politische Karriere gemacht hatte, starb im Exil. Für ihn war die Emigration ein in größter Einsamkeit und Demut getroffener Entschluß, auf alles zu verzichten, was ihm das Leben lebenswert machte. 1941 verfaßte er in Erwartung seines baldigen Todes eine "Erklärung":

"Ich habe in meinem Leben sehr wenig Nützliches getan. Daran ist zum einen Teil die Zeit schuld, die jede individuelle Initiative vernichtet hat. Unsere Zeit ist dem Individuum feindlich, sie liebt nur die Masse. Deswegen sind so ziemlich alle meine Versuche, Gutes zu tun, früher oder später erstickt. Das einzig wirklich Gute und Nützliche, das ich habe vollbringen dürfen, ist meine Abreise aus Deutschland im Sommer 1939 gewesen. Das ist die Tat meines Lebens. Im Vergleich zu ihr war alles andere kleinliche Betriebsamkeit, alles andere an Wert weit zurück. Diese Tat enthält freilich auch das größte Opfer meines Lebens. Nichts hat mich so sehr leiden machen. Allein gerade das ist das Kriterium ihres wahren Nutzens und ihrer echten Größe.

Im Besitz dieses Bekenntnisses sterbe ich ruhig. Ich denke, es ist nicht vermessen, mich seit dem 25. Juli 1939 zu denen zu rechnen, die die Stelle Mt 19,29 erfüllt haben. Daher meine Hoffnung. Gott helfe mir mit seiner Gnade, daß ich auch bis zum Ende treu bleibe und siege. Amen."

Soden hatte schon als Schüler Zeitungs- und Zeitschriftenartikel über politische Themen publiziert. Seine föderalistische Grundeinstellung ließ ihn schon sehr früh zu Überzeugungen kommen, mit denen er in seinem konservativen Umfeld allein stand: Das Individuum habe immer Vorrang vor der Gemeinschaft und dem Staat; alle Rassentheorien seien gefährliche Irrlehren; der Erste Weltkrieg sei "die naturnotwendige Folge der großkapitalistisch-imperialistisch-militaristischen Machtpolitik der europäischen Großmächte und der von nationalistischem Wahnsinn besessenen europäischen 'Gernegroße'" gewesen; Politik müsse "demokratisch und sozial" sein; der Weimarer Republik müsse man eine Chance geben. Als Mitglied des "Friedensbund deutscher Katholiken" dachte Soden pazifistisch. Er setzte sich für die deutsch-polnische, deutsch-französische und deutsch-tschechische Verständigung ein. Nach seinem Studium ging er 1925 für ein Jahr nach Polen und berichtete als Osteuropa-Korrespondent für verschiedene Zeitungen. In diese Zeit fiel sein Entschluß, sich ganz aus der Politik zurückzuziehen und Priester zu werden, da ihm die bayerische Politik und das politische Leben überhaupt unerträglich erschienen. Nach seiner Priesterweihe kam er 1931 als Seelsorger in ein Dorf bei Landshut. Dort predigte er vor seiner Gemeinde jeden Sonntag gegen den "wahnwitzigen Stolz", gegen "Paraderausch", "Haß" und "kindischen Dünkel" im Volk und bei den Politikern, gegen Kriegshetze, Führerglauben und Diskriminierung.

Nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" sah sich Soden zunehmend isoliert. Er war entsetzt über die Zustimmung der BVP zum "Ermächtigungsgesetz"; das Konkordat durchschaute er als einen Versuch, den Katholizismus vor den Wagen des "Dritten Reichs" zu spannen. Inzwischen nach München berufen, mußte er als Präses eines katholischen Vereins in Verhandlungen mit den Nationalsozialisten über die Zukunft der Vereine treten. Die Kompromisse, die ihm auch von kirchlicher Seite dabei aufgenötigt wurden, waren ihm so zuwider, daß er mehrmals um Amtsenthebung bat. Er geriet in heftige Konflikte mit dem erzbischöflichen Ordinariat. Im März 1936 wurde er schließlich seinem Wunsch gemäß auf eine kleine Landpfarrei im Freisinger Hinterland versetzt. All diese Jahre quälte er sich mit der Frage, ob er emigrieren und zu seinen Gesinnungsfreunden um Dietrich von Hildebrand nach Österreich stoßen solle. Soden zerbrach förmlich an seiner Zeit. Eine Krankheit nach der anderen warf ihn aufs Bett, und der Ton seiner Predigten wurde zunehmend verzweifelt und resigniert. Als die österreichischen Bischöfe nach dem nationalsozialistischen Einmarsch in Österreich eine freudig-zustimmende Erklärung über die Zeitungen verbreiteten, notierte sich Soden: "eines der schwärzesten Blätter der Kirchengeschichte, über die wir uns mehr schämen als über (Papst, Anm. d. Verf.) Alexander VI. Was ist größer - die Dummheit oder die Charakterlosigkeit?" Als am 20. April 1939 alle Priester auf die Anordnung der Bischöfe hin für "Führers Geburtstag" im Gottesdienst ein Gebet sprechen mußten, tat dies Soden mit einem sehr doppeldeutigen Text und verfaßte noch am selben Tag einen verzweifelten Aufsatz "Der Affe des Reiches", den er natürlich nie veröffentlichen konnte:

"Nie ist der deutsche Name so entehrt worden, als heut durch den unerhörten Zwang und Betrug, der namens Deutschlands an diesen Völkern (der Tschechoslowakei, Anm. d. Verf.) vollführt wird. Nie mußten wir, die Getreuen des Heiligen Reichs, so schamrot werden als heute, da der Affe seine Insignien trägt und sie zu seinen Räubereien benutzt."

Anders als den meisten seiner Priesterkollegen bedeutete ihm der bevorstehende Krieg keine "vaterländische Pflicht", sondern unerträgliches Unrecht. Kurz vor Kriegsausbruch entschloß er sich doch noch zur Emigration: Am 25. Juli 1939 reiste er nach Luzern ab, offiziell, um seine Krankheiten zu kurieren, tatsächlich, um nie zurückzukehren. In einem Brief an einen Freund schilderte er seine verzweifelte Situation:

"Der Entschluß war wohl der schwerste meines Lebens. Du weißt, wie ich an der Heimat und meinen alten Eltern hänge. Ich habe moralisch und materiell alles verlassen, was ich besaß. (...) Ich glaubte, ich mußte meinem Gewissen folgen. Für die Geradheit meiner Haltung, meine Ehre, meine Überzeugung habe ich nun alles bezahlt, was ich hatte."

In der Schweiz hielt sich Soden nur notdürftig als Aushilfsgeistlicher über Wasser. Im September 1940 floh er weiter nach Brasilien, da damals die Gefahr bestand, daß auch die Schweiz von Deutschland überfallen und besetzt würde. Schwer malaria- und zuckerkrank und von Heimweh gequält schloß er dort mit seinem Leben ab. Doch inzwischen waren seine Freunde aus dem Hildebrand-Kreis in New York eingetroffen. Sie holten ihn im April 1941 zu sich, und mit ihrer Hilfe und der finanziellen Unterstützung von ausgewanderten Münchner Juden konnte Soden noch zwei Jahre bis zu seinem Tod für seine politischen Ideale arbeiten. Er leitete den "Bavarian Council", die Hauptinteressensvertretung der exilierten Bayern in New York, und verfaßte ein 200seitiges Manuskript über sein Lebensthema, den Föderalismus.


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